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Die Briten und das Coronavirus : Ein General und seine Abwehrpläne

Neue Gravitas: Premierminister Johnson unterrichtet über die Pläne zur Bewältigung der Coronavirus-Krise. Bild: dpa

Wie stoisch und ironisch sind die Briten, wenn die Gefahr nicht blitzartig, sondern über Wochen auf sie zurollt? Der Premier spricht ohne die übliche Flachserei von einem Feind, der tödlich sein könne, aber schlagbar sei.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Am Anfang riefen alle: Wo bleibt Boris? Keine vorzeitige Rückkehr aus den Weihnachtsferien in der Karibik nach der Tötung des iranischen Generals Kassem Soleimani und dem drauf folgenden Flugzeugabschuss. Kein staatsmännischer Besuch zu den überschwemmten Gebieten im Norden. Und Ende Februar, als die Fälle sich zu mehren begannen, lange Zeit keine Corona-Krisensitzung, so dass die Opposition Johnson sogar bezichtigte, ein Teilzeit-Premierminister zu sein. Inzwischen tritt Johnson täglich vor die Nation, wie ein Kriegspremier, flankiert von seinen Generalen. Mal steht, wie am Dienstag, der Finanzminister an seiner Seite, der bei der Verkündung seines Notpakets sagte, „wir müssen handeln, wie jede Regierung in Kriegszeiten“; mal ist der Premierminister von seinem wissenschaftlichen Chefberater und dem Chefmediziner umrahmt. Die beiden glatzköpfigen Experten wirken in ihren grauen Anzügen ein wenig wie Tweedledum und Tweedledee, die sich in Lewis Carrolls „Alice hinter den Spiegeln“ als „die größten Logiker aller Zeiten“ anpreisen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die oft als Verharmlosung missverstandene Neigung zur ironischen Übertreibung, mit der die wie Johnson in Eton und ähnlichen Instutionen geschulten Briten den Ernst des Lebens zu entschärfen suchen, ist einer neuen Gravitas gewichen. Es ist, als sei der mit Kriegsmetaphern beschriebene Brexit-Prozess, in dem Johnson oft als Möchtegern-Churchill karikiert wurde, wie der „Sitzkrieg“ gewesen, zwischen der Kriegserklärung im September 1939 und dem tatsächlichen Ausbruch von Feindseligkeiten acht Monate später, bloß, dass der Feind ein anderer ist. Ohne die übliche Flachserei tat Johnson kund, dass dieser Feind tödlich sein könne, aber schlagbar sei.

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          In den vergangenen Tagen ist immer wieder die Rede gewesen vom stoischen Durchhalten der Briten im Zweiten Weltkrieg, vom „Geist des Blitzes“ und der Losung „Keep Calm and Carry On“, auf die sich die Nation so viel zugutehält. Dieser Spruch hat seine Ursprünge nicht in der im September 1939 geplanten Kampagne zum Ansporn der Moral für den Fall einer deutschen Invasion, sondern in der Influenza-Pandemie, die 1918 über die Welt hereinbrach. Der damalige Chefmediziner der Regierung vertrat angesichts der Notwendigkeit, Deutschland zu besiegen, den Standpunkt, dass es die Hauptpflicht der Briten sei, so weit wie möglich normal weiterzumachen. Diese Haltung hatte Daniel Defoe, der Autor von „Robinson Crusoe“, bereits in seiner Schilderung des Verlaufs der Londoner Pest-Epidemie von 1665/6 beobachtet. Er bemängelte auch, dass die Regierung nicht mehr unternommen habe, um das damalige Äquivalent von „fake news“ zu unterbinden, und führte dies auf den Wunsch zurück, die Bevölkerung nicht gegen sich aufbringen zu wollen.

          Empfehlung statt Verordnung

          Bei der vielfach kritisierten Zurückhaltung der britischen Regierung im Umgang mit der Corona-Krise ist der Nationalmythos des kollektiven Stoizismus ebenso im Spiel wie die liberale Tradition persönlicher Freiheit. Als Kolumnist hat sich Boris Johnson ein ums andere Mal jeder Form der Bevormundung durch „wohlmeinende Bürokraten“ widersetzt, die den Menschen vorschreiben, dass sie sich gesund zu ernähren oder zum eigenen Wohl auf bestimmte Vergnügungen zu verzichten haben. Diese Überzeugung trieb er vor einigen Jahren dahingehend auf die Spitze, dass er den Bürgermeister der fiktiven Insel Amity Island zum eigentlichen Helden des Horrorfilmes „Der weiße Hai“ erklärte, weil dieser sich der „wachsenden Hysterie“ über den gefräßigen Fisch zum Trotz geweigert habe, die Strände zu sperren, um die Badesaison nicht zu gefährden. Es habe sich als Fehlentscheidung herausgestellt, gestand Johnson, doch habe der Bürgermeister im Prinzip „heldenhaft recht“ gehabt.

          Johnson hat die Gastronomie und den Kulturbetrieb zur Verzweiflung gebracht mit seiner Empfehlung, Kneipen, Clubs, Theater und gesellschaftliche Treffpunkte zu meiden, statt zu verordnen, dass sie geschlossen werden sollten. Damit überließ er den einzelnen Unternehmen und jedem Bürger die Entscheidung.

          Seine churchillsche Stunde

          Einige unterstellen, dem liege das zynisches Kalkül zugrunde, die Versicherungen auf diese Weise zu entlasten, die in Pandemie-Fällen nur zur Entschädigung verpflichtet seien, wenn dem Betriebsausfall ein Hoheitsakt zugrunde liege. Einer der gehobenen Londoner Gastronomiebetriebe fasste die Stimmung in einer Mitteilung zusammen, in der stand, der Betrieb befinde sich im Lichte des Regierungsediktes in „der undankbaren Lage, die uns nach unserem Empfinden keine Wahl lässt, als alle unsere Londoner Restaurants heute Nachmittag zu schließen.“ Opernhäuser und Theater waren bereits am Montag zum Schluss gekommen, dass die Lichter ausgehen müssten. Die Museen sind sukzessive nachgezogen. Nun fordert der Museumsverband, dass die Regierung die vorgemerkten Millionen fürs geplante landesweite Kulturfest im Jahr 2022 den Museen zukommen lassen solle.

          Als Boris Johnson nach einigen Umwegen schließlich sein Lebensziel erreichte und als Premierminister durch die Tür von 10 Downing ging, fühlten sich viele an die Worte Churchills zu seiner Amtsübernahme erinnert: „Mir war zumute, als ob das Schicksal selbst mir den Weg weise, als wäre mein ganzes bisheriges Leben nur eine Vorbereitung auf diesen Augenblick gewesen, auf diese Prüfung.“

          Boris Johnson hat den Vergleich selbst nahegelegt mit seiner Churchill-Biographie. Nun hat seine churchillsche Stunde geschlagen. Ob er ihr gewachsen ist, wird sich zeigen. Es kommt einem die Lebensweisheit in den Sinn, dass man vorsichtig sein solle in dem, was man sich wünsche.

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