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Bischöfe lenken ein : Unabhängige Kommissionen sollen sexuellen Missbrauch aufarbeiten

Ein deutscher Bischof betet im Dom zu Fulda. Bild: dpa

Lange haben sich die katholischen Bischöfe gegen die Einrichtung unabhängiger Kommissionen zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch gesträubt. Jetzt haben sie eingelenkt.

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          Die Selbstverpflichtung der katholischen Bischöfe zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in ihren jeweiligen Bistümern war bislang sehr vage formuliert: „Wir werden mehr als bisher die Begegnung mit den Betroffenen suchen“, hieß es im September 2018 in einer Erklärung im Anschluss an die Studie zu sexuellem Missbrauch Minderjähriger in der katholischen Kirche in Deutschland. Für die „Aufarbeitungsprozesse“, die man in den Bistümern angehen wolle, brauche man die Hilfe der Betroffenen sowie externer Fachleute.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Thomas Jansen

          Redakteur in der Politik.

          Die Formulierungen ließen großen Ermessensspielraum: Wer wollte, konnte sie als Auftrag zu einer Einbindung von Betroffenen in eine systematische Aufarbeitung verstehen. Doch verbindlich waren sie nicht. Und so fielen die Konsequenzen, welche die Bistümer aus den verheerenden Ergebnissen der Missbrauchsstudie zogen, recht unterschiedlich aus.

          Einige richteten Betroffenenbeiräte ein oder gaben – wie etwa die Bistümer Köln, Hildesheim und Münster – unabhängige Studien zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in Auftrag, die auch Namen von Verantwortlichen nennen sollen. Die meisten Bistümer zeigten hingegen weniger Engagement, einige fühlten sich gar nicht angesprochen.

          Zwei Missbrauchsopfer in jeder Kommission

          Mit dieser Heterogenität soll laut der am Dienstag veröffentlichten „Gemeinsamen Erklärung über verbindliche Kriterien und Standards für eine unabhängige Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in Deutschland“ der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, bald Schluss sein.

          Rörig und die DBK haben sich darauf verständigt, dass jedes Bistum eine unabhängige Aufarbeitungskommission einrichten soll. Sie sollen untersuchen, wie die Bistumsverwaltungen mit Tätern und Betroffenen umgegangen sind, und Strukturen identifizieren, die sexuelle Gewalt ermöglicht oder erleichtert oder deren Aufdeckung erschwert haben.

          Die Erklärung empfiehlt für derartige Kommissionen eine Größe von sieben, in jedem Fall aber eine ungerade Zahl von Mitgliedern. Zwei von ihnen müssen Betroffene sein. Die Bischöfe legen sich zudem erstmals auf Kriterien für eine Unabhängigkeit fest: So darf höchstens die Hälfte der Mitglieder in einem kirchlichen Arbeitsverhältnis stehen oder einem Laiengremium angehören. Der Vorsitzende darf weder Betroffener noch kirchlicher Mitarbeiter sein und auch früher nicht im Dienst eines Bistums gestanden haben.

          Damit vereinheitlicht die „Gemeinsame Erklärung“ nicht nur, sie setzt neue Maßstäbe. Denn anders als die österreichischen Bischöfe, die schon 2010 eine unabhängige Kommission mit der Aufarbeitung von sexueller Gewalt im Raum der Kirche beauftragt hatten, wollten die deutschen Bischöfe bislang von unabhängigen Gremien nichts wissen.

          Allerdings haben die Bischöfe auch jetzt penibel darauf geachtet, dass ihnen auch künftig niemand allzu sehr hineinredet. Dies verrät beredt der Passus, in dem es heißt, ob eine Kommission den Anforderungen genüge, „erörtert“ der Unabhängige Beauftragte für Fragen des Kindesmissbrauchs in einem „Verständigungsprozess“ mit dem jeweiligen Bischof. Und ob eine Kommission in den kommenden Wochen oder erst in fünf Jahren eingerichtet wird, bleibt jedem Bischof selbst überlassen. Verbindlich wird die Erklärung ohnehin erst, nachdem der zuständige Bischof sie unterzeichnet hat.

          Ordensgemeinschaften werden, wie schon von der MGH-Studie aus dem Jahr 2008, auch von dieser jüngsten Vereinbarung nicht erfasst. Damit bleibt ein signifikanter Bereich sexueller Gewalt weiterhin im Dunklen. Weiterhin keine Klarheit gibt es auch über die konkrete Ausgestaltung der im März in Grundzügen beschlossenen Neuregelung der Entschädigung für Betroffene sexueller Gewalt.

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