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Paartherapeutin zur Quarantäne : Im Zweifel auch mal schweigen

Sarah Hain ist Paartherapeutin in Frankfurt Bild: privat

Es wird viel zu tun sein, wenn das Schlimmste vorbei ist: Ein Gespräch mit der Paartherapeutin Sarah Hain über blanke Nerven, Monotonie, typisch menschliche Krisenstrategien und gesunde Distanz.

          4 Min.

          Frau Hain, haben Sie gerade viel zu tun?

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es geht, die Homeoffice-Phase hat ja erst so richtig begonnen. Meine Beratungen finden unter den gebotenen Sicherheitsvorkehrungen noch in meiner Praxis statt – oder per Videogespräch, das war aber schon vor Corona so. Wir rechnen damit, dass demnächst viel zu tun sein wird – auch dann noch, wenn das Schlimmste vorüber ist. Es ist ja noch völlig unklar, wie lange das jetzt dauert und welche Konflikte uns erwarten.

          Was raten Sie Paaren, die sich im Haushalt auf die Nerven gehen, denn normalerweise?

          Zunächst suche ich nach den Auslösern. Wenn das Paar viel Zeit gemeinsam zuhause verbringt, empfehle ich, sich gegenseitig Raum zu geben, nicht alles zusammen zu tun. Auszuloten, wie viel Gemeinsamkeiten sein müssen und wie viel Unterschiede sein dürfen. Es gibt nichts Langweiligeres, als mit sich selbst verheiratet zu sein. Wichtig ist auch, sich beim anderen zu erkundigen, wie viel Nähe er oder sie sich gerade wünscht. Nicht jeder kann seinen Partner oder seine Partnerin so gut einschätzen, wie er glaubt.

          Nun hat Corona die Beziehungssituation zuhause verschärft: Alle sitzen daheim, Kinder toben, nebenbei muss gearbeitet werden. Da lernt man seinen Partner noch einmal von ganz neuen Seiten kennen. Was erreicht Sie da bislang an heiklen Fällen?

          Bislang habe ich den Eindruck, dass die Menschen sehr positiv mit der neuen Lage umgehen. Das hat damit zu tun, dass um uns herum Chaos ist. Dieses Chaos gleichen viele durch Vernunft und rationales Verhalten aus. Aber gerade weil die sozialen Kontakte fehlen, weil man viel enger an seinen Partner gebunden ist, rechne ich schon mit einer zusätzlichen Belastung. Da spielt auch das Thema Resilienz eine Rolle. Wie gut gelingt die eigene Anpassung?

          Mal ehrlich, sind Menschen überhaupt dafür gemacht, so eine Situation auszuhalten, oder kann das nur schief gehen?

          Dafür gemacht sind wir nicht. Wir sind soziale Wesen – und es gewohnt, uns frei zu bewegen. Aber der Zeitraum, von dem wir ausgehen, ist ja keiner von mehreren Jahren. Die Rede ist von ein paar Wochen. Solche Belastungen können Menschen auch ganz unbeschadet überstehen. Die Befriedigung der wichtigsten Bedürfnisse ist sicher gestellt. Viele kennen solche neuen, intensiveren Phasen des Zusammenlebens ja auch aus bestimmten Lebenssituationen, etwa wenn beide Partner in Rente gehen – oder, eher schlaglichtartig, an Weihnachten.

          Paare, die vor einiger Zeit in Ruhestand gegangen sind, müssten das jetzt also besser wegstecken.

          Ja. In Zeiten der Pensionierung gibt es immer wieder große Konflikte. Die Veränderung kommt dann allerdings weniger plötzlich.

          Welcher Typus Mensch muss jetzt besonders aufpassen, nicht in eine Beziehungskrise zu rutschen?

          Ausschlaggebend ist, wie stark sich die Situation für den Menschen verändert – und wie gut es gelingt, Strukturen zu schaffen. Wer ohnehin viel zuhause ist, hat es etwas leichter. Gleichzeitig scheinen diejenigen zu profitieren, die Krisenlagen im Alltag gewohnt sind. Wenn Kinder da sind, ist es zwar oft fordernder, aber die Aufgaben sind klarer, sie geben Struktur. Je weniger Routine, desto größer ist jetzt die Eigenverantwortung. Da hilft nur Absprache: über Aufgabenverteilung, Arbeitszeiten, Nähe. Und das Bestreben, das Paar-Dasein nicht unter diesen Aufgaben untergehen zu lassen.

          Ist es gerade schlimmer für Paare, die sich schon lange kennen, weil die Verliebtheit als Kitt fehlt?

          Im Gegenteil. Es wird für diejenigen einfacher, bei denen die Veränderung sich in Grenzen hält. Stellen Sie sich vor, wie viel schneller bei frisch verliebten Paaren aus der Liebesbeziehung jetzt voraussichtlich eine Partnerschaft wird. Dann fällt die rosarote Brille – und Teamwork ist gefordert.

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