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Ausnahmezustand : Wie Südafrika vom Coronavirus erfasst wird

Busfahrer Daniel Mohale: Abstandhalten ist in den Kleinbussen schwierig. Bild: Bianca Thielke

Lange hat sich Südafrika in Zuversicht gewogen, dass das Coronavirus an dem Land vorbeizieht – wegen der Temperaturen. Doch längst herrscht auch in Kapstadt der Ausnahmezustand.

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          An einem Freitagnachmittag gibt es in Kapstadt kaum einen Platz, an dem mehr los ist als auf dem Taxi-Rank an der Grand Parade. Es ist die Pulsader des öffentlichen Nahverkehrs. Hunderte Minibusse stehen auf dem Dach des Hauptbahnhofs in langen Reihen, Stoßstange an Stoßstange. Sie warten darauf, die Pendler vom Zentrum nach Khayelitsha, Langa, Philippi zu transportieren, in die großen Armenviertel der Stadt. Minibusse – oder Taxis, wie man sie in Südafrika nennt – sind das mit Abstand wichtigste öffentliche Verkehrsmittel auf dem Kontinent.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Auf den ersten Blick herrscht normaler Feierabendtrubel: Vollbesetzte Taxis verlassen im Halb-Minuten-Takt die Plattform. Die Fahrer treiben die Einsteigenden mit durchdringenden Stimmen zur Eile an. Straßenhändler drängen sich mit Kartons voller Pfirsiche, Maiskolben und Äpfeln zwischen den Bussen hindurch. Andere Händler haben auf dem Boden ihr Warenangebot ausgebreitet: Nagellack und Plastikkämme, aber auch Kräuter und Wurzeln vom Tafelberg. „Hey, Mädels, hier entlang“, witzelt einer im Gedränge, „aber passt auf das Corona auf.“

          Lange glaubte man, das Virus würde an Afrika vorbeiziehen

          Doch der Eindruck der Normalität trügt. „Das Geschäft ist schlecht, sehr schlecht“, sagt Taxifahrer Songezo Hutu. Normalerweise habe er mindestens sechs volle Ladungen an Passagieren am Tag, jetzt seien es nur noch drei. „Die Leute fahren nicht in die Stadt, weil so viele Büros und Schulen geschlossen sind. Aber wir müssen die Bank zahlen und die Versicherung. Wie das noch werden wird? Ich weiß es nicht.“

          Seit einer Woche befindet sich auch Südafrika fest im Griff der Corona-Krise. Das Alltagsleben änderte sich buchstäblich von einem Tag auf den anderen. Am vergangenen Sonntag rief Staatspräsident Cyril Ramaphosa den Katastrophenzustand aus, das ist eine Stufe vor dem nationalen Notstand. Zuvor hatten sich viele in der Zuversicht gewogen, das Virus beschränke sich vielleicht auf China und Europa, weil es in Afrika zu warm sei. Doch die Illusion ist dahin. Zuletzt lag die Zahl der gemeldeten Fälle in Südafrika bei 240, das sind außer in Ägypten die meisten in Afrika. Mitte der Woche waren es 116. Der erste Infizierte wurde am 5.März gemeldet.

          Auf einem Markt in einer Halle, in der dicht an dicht Kleinbusse geparkt sind, drängen sich zahlreiche Menschen.
          Auf einem Markt in einer Halle, in der dicht an dicht Kleinbusse geparkt sind, drängen sich zahlreiche Menschen. : Bild: Bianca Thielke

          Die Maßnahmen, die der Präsident verkündete, sind drastischer, als es viele erwartet hatten: Einreisestopp für Touristen, Verbot von Versammlungen mit mehr als 100 Personen, Schließung von Schulen und Universitäten. Am Freitag strich die nationale Fluggesellschaft South African Airways alle internationalen und regionalen Flüge. Auch Häfen sind geschlossen. Inländische Reisen sollen unterbleiben.

          Die wirtschaftlichen Folgen will sich derzeit niemand ausmalen. Der Tourismus ist das Lebenselixier der Küstenstadt, die sich gerade erst von einer Jahrhundertdürre erholt hat. Der damals befürchtete „Day Zero“, an dem kein Wasser aus den Leitungen fließt, trat letztlich nicht ein. Viele hoffen nach dieser Erfahrung, dass sie die Corona-Krise ebenso meistern können.

          Die Intensivstationen rüsten sich

          Bisher ist nach offiziellen Angaben kein Infizierter kritisch erkrankt oder gestorben. Im Tygerberg-Krankenhaus, dem zweitgrößten staatlichen Klinikum im Land mit fast 1400 Betten, bereitet man sich seit Wochen auf den Ernstfall vor. Ressourcen würden zwischen den Abteilungen und Krankenhäusern umgeschichtet und neu beschafft, sagt Andreas Diacon, Professor an der Universität Stellenbosch und Lungenarzt an der Klinik. „Vorher hatten wir nur sieben Beatmungsgeräte, jetzt sind es 40.“ Auch die Intensivstationen rüsteten sich, die Ärzte hätten sich mit Kollegen auf der ganzen Welt zum Erfahrungsaustausch vernetzt.

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