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Reihenfolge neu regeln : Wenn Astra-Zeneca-Impfstoff liegen bleibt

  • Aktualisiert am

Fläschchen mit dem Impfstoff von Astra-Zeneca werden gekühlt. Bild: Neil Hall/EPA

Es sei irrational, ein bestimmtes Vakzin abzulehnen, sagt der Chef der Ständigen Impfkommission. Wenn aber schon Dosen übrig bleiben, solle man pragmatisch entscheiden. Auch Grundschul- und Kita-Personal sowie Berliner Wohnungslose können früher als geplant eine Astra-Zeneca-Impfung erhalten.

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          Die Ständige Impfkommission (Stiko) plädiert dafür, die Reihenfolge bei den Corona-Impfungen nicht allzu starr einzuhalten. In allen Impfzentren sollte es unbedingt Listen dafür geben, „wer an die Reihe kommt, wenn Dosen übrig bleiben“, sagte Stiko-Chef Thomas Mertens den Zeitungen der „Funke Mediengruppe“. Damit kein Impfstoff verworfen werde, könnten „geeignete Kandidaten aus nachfolgenden Prioritätsgruppen“ vorgezogen werden.

          Der Umgang mit übrig bleibenden Impfdosen müsse „pragmatisch vor Ort geregelt werden“, forderte der Virologe. Die Übergänge zwischen den Gruppen in der Impfreihenfolge dürften nicht als „harte Grenze“ aufgefasst werden.

          Mertens warnte aber zugleich: „Es darf nicht passieren, dass zum Beispiel schwer kranke Risikopatienten leer ausgehen, weil ganze Berufsgruppen mit starker Lobby unabhängig von der evidenzbasierten Prioritätsstufe vorgezogen werden.“ Vorrangiges Ziel der Impfungen sei es, gegen das individuelle Risiko einer schweren Erkrankung zu schützen.

          Nach Angaben des Stiko-Chefs bleiben jeden Tag viele Dosen des Vakzins von Astra-Zeneca liegen, das in der Bevölkerung niedrigere Akzeptanz genießt als die ebenfalls zugelassenen Wirkstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna. Mertens nannte die Gründe für die Ablehnung des Astra-Zeneca-Impfstoffs „weitgehend irrational“.

          Grundschullehrer kommen früher dran

          Bisher ungenutzte Astra-Zeneca-Impfdosen kommen auch zunächst in Frage für die Impfung von Beschäftigten in Kitas und sowie Grund- und Förderschulen. Die Impfverordnung soll so geändert werden, dass diese von der dritten in die zweite Gruppe der Impf-Reihenfolge vorgezogen werden und bereits von diesem Mittwoch an eine Impfung erhalten können. Diese höhere Priorisierung soll eine „zügige und sichere Umsetzung von Öffnungsstrategien der Länder bei Kitas und Grundschulen ermöglichen“, heißt es in einem Entwurf.

          Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) schrieb auf Twitter: „Das gibt in einem Umfeld, in dem Abstand & Maske nicht immer möglich sind, zusätzliche Sicherheit.“ Die geänderte Impfverordnung soll im Bundesanzeiger veröffentlicht werden. In zehn Bundesländern sind Grundschulen und Kitas seit Montag wieder geöffnet, Sachsen hatte sie bereits am 15. Februar geöffnet.

          Berlin will Wohnungslose vorziehen

          Die Berliner Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) kündigte an, dass mit einem Teil der übrig gebliebenen Astra-Zeneca-Dosen die rund 3000 Wohnungslosen in den Notunterkünften der Hauptstadt geimpft werden sollten. „Es ist in der aktuellen Situation nicht hinnehmbar, dass Impfdosen ungenutzt herum liegen“, sagte sie den „Funke-Zeitungen“. Die Senatorin will mit den Impfungen der Wohnungslosen schon nächste Woche starten. Sie hofft, dass andere Bundesländer dem Berliner Beispiel folgen.

          Wohnungslose gehören aufgrund ihrer oftmaligen Unterbringung in Massenunterkünften bislang zur Prioritätsstufe zwei in der Impfreihenfolge. Zur Gruppe eins zählen unter anderem Menschen im Alter über 80 Jahren, Bewohner und Personal von Pflegeheimen sowie Mitarbeiter in Intensivstationen und Rettungsdiensten.

          Das Vakzin des britisch-schwedischen Unternehmens Astra-Zeneca stößt auf Vorbehalte, weil seine Wirksamkeit beim Schutz vor einer Corona-Infektion mit rund 70 Prozent angegeben wird. Die Wirksamkeit der Produkte der Mainzer Firma Biontech und ihres amerikanischen Partners Pfizer sowie des amerikanischen Unternehmens Moderna wird hingegen mit deutlich über 90 Prozent beziffert. Astra-Zeneca führt allerdings ins Feld, sein Präparat schütze zu „mehr oder weniger 100 Prozent vor den schweren Verläufen der Erkrankung“.

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