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Lungenarzt über Delta-Variante : „Ein Blick in die grobe Statistik kann trügen“

„Eine Erkrankung darf nie zum Stigma werden.“ Cihan Çelik rechnet im Herbst vor allem mit Corona-Patienten, die ungeimpft sind. Bild: Frank Röth

Für ungeimpfte Patienten stellt Delta die bisher gefährlichste Variante dar, sagt Lungenarzt Cihan Çelik. Ein Interview über falsche Sicherheitsgefühle, das britische Experiment und Dienstpläne im Herbst.

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          Herr Doktor Çelik, wir sprechen regelmäßig über Ihre Arbeit als Oberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt. Wie ist die Lage?

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Aktuell liegt auf der Normalstation eine Covid-Patientin, auf der Intensivstation werden zwei Patienten mit schwerem Verlauf behandelt. Wie erwartet gibt es in diesem Sommer also nur vereinzelte Fälle im Krankenhaus. Wir führen weiterhin Sequenzierungen durch, und wir haben immer mehr Fälle der Delta-Variante nachgewiesen.

          Sind da schon Unterschiede im Krankheitsverlauf zu beobachten?

          Bei diesen wenigen Einzelfällen lässt sich da keine Gesetzmäßigkeit herauslesen, das wäre überinterpretiert. Man sollte von Einzelfällen nicht auf das große Ganze schließen.

          Wenn man aufs große Ganze blickt, gibt es widersprüchliche Meldungen: Ist die Delta-Variante gefährlicher oder ungefährlicher?

          Ein Blick in die grobe Statistik kann trügen. Bei den derzeitigen Meldungen über die ansteigende Inzidenz in Großbritannien und das Verhältnis zu Hospitalisierungen wird oft nicht zwischen Geimpften und Ungeimpften unterschieden. Die Hospitalisierungsrate steigt dort zwar, aber nicht so stark. Das wird durch die Masse an geimpften Menschen unter den Infizierten beeinflusst, die die Hospitalisierungsrate nach unten drücken. In Staaten in den USA, die eine sehr geringe Impfquote haben – zum Beispiel Mississippi und Alabama –, steigen die Todes- und die Hospitalisierungsrate sehr viel deutlicher. Deswegen gehen wir davon aus, dass die Delta-Variante für den einzelnen ungeimpften Patienten die bisher gefährlichste Variante darstellt. Sowohl für eine Infektion als auch für einen schweren Verlauf. Neuere Studien bestätigen diese Befürchtungen. Das muss man ganz klar trennen von dem Gesamteindruck, dass eine Delta-Welle für die Gesellschaft, in der viele Menschen geimpft sind, relativ glimpflich ausgehen könnte. Die Gefahr für ein ungeimpftes Individuum wird in den Statistiken über eine in großen Teilen geimpfte Bevölkerung immer weniger abgebildet, das kann zu einem falschen Sicherheitsgefühl führen. Wenn man jetzt noch ungeimpft ist und sich mit der Delta-Variante infiziert, hat man von allen bisher in Deutschland zirkulierenden Varianten das höchste Risiko, einen schweren Verlauf zu erleiden.

          Was kann man in Großbritannien aktuell noch beobachten, nachdem dort trotz hoher Inzidenz die Maßnahmen gestoppt worden sind?

          Das ist ein großes Experiment, mit dem aus meiner Sicht ein großes Risiko einhergeht. Ich hätte dem nicht zugestimmt, aber ich bin gespannt auf das Ergebnis. Es gibt eine hohe Impfquote und fast keine Maßnahmen – da wird sich bald zeigen, ob die Krankenhauseinweisungen stark steigen und ob es wieder mehr Todesfälle gibt. Egal, wie es ausgeht, für die Wissenschaft werden daraus große Erkenntnisse resultieren. Aber mir wäre das Risiko viel zu hoch.

          Gesundheitsminister Jens Spahn hat zu den Inzidenzwerten gesagt, dass 200 das neue 50 sei. Wie gehen Sie mit den Inzidenzwerten um?

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