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Lungenarzt im Interview : „Der politische Mut hat an einigen Stellen gefehlt“

„Wir sind gut vorbereitet“: Cihan Çelik, auf der Corona-Isolierstation im Klinikum Darmstadt. Bild: Frank Röth

Das Klinikum Darmstadt schaltet wieder in den Covid-Notbetrieb. Oberarzt Cihan Çelik spricht über eine erwartbare Entwicklung, komplizierte Verläufe bei jungen Menschen und „große organisatorische Probleme“ außerhalb der Klinik.

          6 Min.

          Herr Doktor Çelik, wir sprechen regelmäßig über Ihre Arbeit als Oberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt. Wie ist aktuell die Lage?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Wir bauen unsere Stationen gerade um, weil wir wieder mehr positiv getestete Patienten mit schweren Verläufen aufnehmen und auf die kommenden Tage vorbereitet sein wollen. In den vergangenen drei Wochen hat es durch eine sehr gute Zusammenarbeit mit einigen Kliniken in unserem Versorgungsgebiet noch funktioniert, dass wir unsere stationären Kapazitäten nicht ausbauen mussten. Jetzt reicht das Umverteilen der Patienten nicht mehr aus. Wir müssen uns räumlich vergrößern, unsere Schichtdienstpläne ausbauen und Personal aus anderen Abteilungen heranziehen, um wieder in den gut bekannten Covid-Notbetrieb zu schalten. Momentan behandeln wir 25 positiv getestete Patienten auf der Normal- und Überwachungsstation und acht auf der Intensivstation. Wir erwarten noch deutlich mehr.

          Ein exponentielles Wachstum ist das noch nicht, oder?

          Der Anstieg geht bei uns etwas langsamer voran als in der zweiten Welle. Das entwickelt sich regional sehr unterschiedlich. Es ringen gerade mehrere Faktoren miteinander: Es gibt einen positiven Impfeffekt, unter den Neuinfizierten sind nur noch drei Prozent über 80 Jahre alt, deswegen gibt es auch bei höherer Inzidenz weniger schwere Verläufe. Auf der anderen Seite gibt es die Mutante B.1.1.7, die jetzt bei über 70 Prozent der Patienten nachgewiesen wird, ansteckender ist und wohl zu etwas schwereren Verläufen führt. Außerdem gibt es den Jahreszeiten-Effekt und den leichten Lockdown-Effekt, wir wissen noch nicht genau, was sich am deutlichsten durchsetzt. Aber wenn wir den Blick nach Frankreich richten, sieht es nicht gut aus. Deswegen bereiten wir uns vor.

          Gibt es schon mehr junge Patienten?

          Ja, die Patienten sind wie erwartet deutlich jünger geworden. Aktuell sind sie bei uns im Schnitt 64 Jahre alt, bei einer Spannweite zwischen 20 und 90. In der letzten Welle lag der Schnitt bei 74 bis 77. Eine Besonderheit ist, dass die jüngeren Patienten oft sehr komplexe und komplizierte Verläufe haben. Es bleibt dabei, dass junge Menschen zwar seltener schwere Verläufe haben. Aber wenn sie im Krankenhaus behandelt werden müssen, müssen sie dann auch häufig auf die Intensivstation. Die Rolle der Mutation ist uns dabei noch nicht klar.

          Im Klinikum Darmstadt: „Wir müssen uns räumlich vergrößern.“
          Im Klinikum Darmstadt: „Wir müssen uns räumlich vergrößern.“ : Bild: Frank Röth

          Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Mutation B.1.1.7 „deutlich tödlicher“ genannt. Kann man das so entschieden schon sagen?

          Anhand der Datenlage kann man sagen, dass die Mutation zu schwereren Verläufen führt. Und eine aktuelle britische Studie bestätigt auch, dass die 28-Tage-Sterblichkeit bei der B.1.1.7-Variante deutlich höher ist als bei der ursprünglichen Variante. Innerhalb von 28 Tagen sterben also mehr Patienten, die sich mit der Mutante infiziert haben, als Patienten, die den Wildtyp in sich tragen.

          Wann sollte man als junger Mensch ins Krankenhaus, wenn man infiziert ist?

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