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Lungenarzt Çelik im Interview : „Wir dürfen nicht in einen Dornröschenschlaf fallen“

Wünscht sich eine Vorbereitung auf den Herbst: Cihan Çelik, Oberarzt Bild: dpa

Auch in den Kliniken entspannt sich die Corona-Lage. Dafür entstehen an anderen Stellen neue Aufgaben. Lungenarzt Cihan Çelik spricht im Interview über erschöpftes Personal und die Freuden wie Gefahren der Sommermonate.

          5 Min.

          Herr Doktor Çelik, Sie sind Oberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt; wir reden ja regelmäßig über den Stand der Dinge. Wie ist gerade die Lage?

          Julia Anton
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Endlich können wir bei der Station tatsächlich wieder von Einzahl sprechen: Wir konnten am Montag den Covid-Normalstationsbereich auf eine Station reduzieren. Zuvor hatten wir seit Februar ein Plateau, zwei Normalstationen waren vollständig mit Covid-Patienten belegt. In den vergangenen Wochen hatten wir bereits gewisse Schwankungen: Zwischenzeitlich ging bei uns die Zahl der Fälle zurück. Aber als Maximalversorger mussten wir auch wieder mehr Patienten aufnehmen, als kleinere Häuser ihre Covid-Stationen reduziert haben. In den vergangenen zwei Wochen ist die Zahl der Fälle dann aber deutlich weniger geworden, sodass wir uns schlussendlich auf eine Schwerpunkt-Covidstation zurückziehen konnten. Der Verdachtsbereich ist noch ausgelagert, ich hoffe, dass wir ihn bald auch noch auf eine Station zusammenziehen können.

          Was für Patienten kommen noch zu Ihnen?

          Der Altersschnitt unserer Patienten ist seit unserem letzten Gespräch Anfang April weiter gestiegen. Auffällig ist, dass ungeimpfte Patienten im Schnitt jünger sind und dass es in den höchsten Altersgruppen glücklicherweise nur noch sehr wenige gibt, die nicht geimpft sind.

          Inzwischen gibt es ja kaum noch Beschränkungen. Wo stecken sich die Patienten an?

          Die meisten wissen nicht, wo sie sich angesteckt haben. In Hochinzidenzphasen kennen wir das ja, das Virus ist überall, und es ist gar nicht möglich, eine Ansteckungskette nachzuvollziehen – insbesondere, seit wieder alles geöffnet ist. Auch in der Klinik haben wir keine absolute Kontrolle über Infektionsketten, deshalb ist es wichtig, dass die Impfquote so hoch ist und unser Personal vor schweren Verläufen geschützt bleibt. Um das Risiko für unsere vulnerablen Patienten zu senken, machen wir weiter Reihentestungen. Dabei fallen auch Patienten ohne Symptome und ohne vorherigen Verdacht zufälligerweise mit einem positiven PCR-Test auf, die dann zu uns auf die Station kommen. In der vergangenen Woche bestand die Hälfte der Patienten bei uns auf der Covid-Station aus Klinikpatienten, die bei Aufnahme in die Klinik noch negativ, aber ein paar Tage später bei der Reihentestung positiv sind. Mal mit, mal ohne Symptome, aber die meisten dank Impfung und milderer Variante mit einem leichten Verlauf.

          Man hat ja stellenweise das Gefühl, die Pandemie sei vorbei. Drohen wir die Gefahr durch das Virus aus den Augen zu verlieren?

          Auf diese Frage gibt es verschiedene Antworten. Es sterben weiterhin viele Menschen pro Tag an einer Corona-Infektion, auch wenn sich die Todeszahl sehr stark von den Fallzahlen entkoppelt hat. Dennoch sind das Menschenleben, die täglich verloren gehen. Das ist ein Preis, den wir als Gesellschaft momentan offenbar zu zahlen bereit sind. Aber das ist eine offene Diskussion, wir hatten bereits vor Monaten genau diesen Punkt kommen sehen. Ein anderer Punkt ist: Wir waren immer am erfolgreichsten in der Pandemiebekämpfung, wenn wir uns vorbereitet haben. Aber die derzeit kursierenden Szenarien, die uns im Herbst und Winter eventuell drohen, sind mitunter spekulationsbehaftet und noch nichts Konkretes. Das ist immer schwer, den Menschen dann zu vermitteln, warum wir das Virus dennoch sehr ernst nehmen müssen. Ich muss darauf vertrauen, dass wir, wenn wir im Laufe des Sommers und Spätsommers wissen, welche Variante uns im Herbst droht, die Bevölkerung mit konkreten Fakten erreichen können.

          Beim Anziehen der Schutzkleidung: Cihan Çelik im September 2021 auf der Corona-Isolierstation im Klinikum Darmstadt.
          Beim Anziehen der Schutzkleidung: Cihan Çelik im September 2021 auf der Corona-Isolierstation im Klinikum Darmstadt. : Bild: Lucas Bäuml

          Wie gehen Sie in der Klinik mit dieser Diskrepanz um, dass draußen das Leben wieder Fahrt aufgenommen hat, während Sie weiterhin Patienten behandeln?

          Ich denke, gerade diese Woche ist ein gutes Beispiel dafür. In den vorangegangenen Wochen haben wir diese paradoxe Situation viel stärker erlebt, als draußen alles wie früher war und wir hier noch zwei voll belegte Stationen mit Covid-Patienten hatten. Jetzt, wo es auch bei uns auf der Station weniger Covid-Patienten werden, können wir auch dieses Gefühl der Erleichterung nachempfinden. Auch wir freuen uns über mehr soziale Interaktion – natürlich mit dem Wissen, dass immer noch ein gefährliches Virus zirkuliert. Man muss diese Gefahr aber nicht leugnen oder negieren, um sich wieder mit Menschen treffen zu können und Freizeitaktivitäten nachzugehen. Man kann sogar sehr viel mehr wertschätzen, was wieder möglich ist. Und man muss auch sagen: Die allermeisten Menschen, gerade jüngere, sind in der aktuellen Phase der Pandemie gut geschützt.

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