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Lungenarzt im Interview : „Die frustrierendsten Tage der gesamten Pandemie“

Berichtet der F.A.S. schon seit einem Jahr von seinem Klinikalltag: Lungenarzt Cihan Çelik Bild: Frank Röth

Die Intensivstation ist voll, die Arbeit so anstrengend wie nie zuvor in der Pandemie: Lungenarzt Cihan Çelik spricht im Interview über fehlende Betten, schwierige Abwägungen – und Patienten, die noch nie von einer Impfung gehört haben.

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          Herr Doktor Çelik, wir sprechen regelmäßig über Ihre Arbeit als Oberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt. Wie ist aktuell die Lage?

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Die Trends, die wir zuletzt besprochen haben, setzen sich bei uns fort: Es kommen anteilig weniger schwer Erkrankte ins Krankenhaus, aber mehr davon müssen auf die Intensivstation. Bei uns liegen jetzt zum ersten Mal mehr Covid-Patienten auf der Intensiv- als auf der Normal- und Überwachungsstation. Das liegt daran, dass junge Patienten entweder schnell in die Heimisolation entlassen werden können oder so einen schweren Verlauf haben, dass sie auf die Intensivstation müssen und dort auch länger liegen. Wir haben in den letzten zwei Wochen täglich bis zu drei Patienten von der Normal- auf die Intensivstation verlegt. Permanent gab es drei bis vier Menschen gleichzeitig, die wir auf der Intensivstation als „im Orbit“ anmelden mussten. Das sind Patienten, die bei einer weiteren Verschlechterung verlegt werden müssen oder aufgrund von Vorerkrankungen und Alter ein sehr hohes Risiko für einen schweren Verlauf haben. Das große Problem ist seit Wochen, dass unsere Intensivstationen voll sind. Jede Verlegung ist schwer zu managen. Wir sind uns alle einig: Das waren die anstrengendsten und frustrierendsten Tage der gesamten Pandemie.

          Was genau war frustrierend?

          Wir stehen aktuell täglich vor dem Problem, dass ein Patient ein Intensivbett braucht, es aber kein freies mehr gibt. Wir versuchen dann auf der Überwachungsstation alles, um ihn zu stabilisieren, und prüfen gleichzeitig die nächsten Schritte. Ein Transport in ein anderes Krankenhaus ist gefährlich, wenn es dem Patienten schlecht geht. Oft verschlechtert sich der Zustand so schnell, dass man das nicht antizipieren kann. Man kann noch versuchen, Verlegungen aus der Intensivstation zurück auf die Normalstation zu organisieren, um ein Bett freizubekommen. Das alles passiert unter Zeitdruck. Die Patienten sind auf unserer Station währenddessen komplett wach. Wir müssen sie beruhigen und natürlich auch selbst einen kühlen Kopf bewahren. Sobald wir ein Intensivbett haben, können die Kollegen die Situation mit der maschinellen Ausrüstung, der Sedierung oder sogar einer Intubation unter Narkose zumindest vorläufig entschärfen. Aber diese schnellen Verschlechterungen in Kombination mit fehlenden Intensivbetten haben zu wirklich schwierigen Situationen geführt.

          Die Intensivstation kann nicht mehr vergrößert werden?

          Dafür gibt es kein Personal. Es gab sogar immer wieder Phasen, in denen die bestehenden Intensivbetten nicht voll belegt werden konnten. Es gab kein Personal, das sich um die Patienten hätte kümmern können. Eine neue Situation ist auch: Die Altersunterschiede zwischen den Patienten sind mittlerweile sehr groß, und das wurde plötzlich relevant. Wenn auf der Intensivstation überwiegend Fünfzig- und Sechzigjährige liegen und wir von der Normalstation einen Achtzigjährigen verlegen wollen, hat der leider geringere Chancen zu überleben. Darüber muss man dann sprechen, wenn die Intensivbetten nicht da sind. Wir sind zum Glück nicht in die Situation gekommen, dass wir jemanden aufgrund seines Alters nicht seinen Wünschen entsprechend behandeln konnten. Das hat uns noch mal gezeigt, wofür wir diese ganzen Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus ergriffen haben und auch wie glücklich wir uns im Krankenhaus schätzen können, dass die Menschen mitgemacht haben. Hätten wir das ganze Jahr lang so arbeiten müssen wie in den letzten Wochen, hätten das viele in medizinischen Berufen nicht so lange durchgehalten.

          Kam es vor, dass Patienten nicht so behandelt werden konnten, wie das für sie am besten gewesen wäre?

          Es gab schwierige Situationen. Gerade aufgrund von unvorhersehbaren Verschlechterungen. Teilweise konnten wir nicht das machen, was medizinisch möglich gewesen wäre – aber nur nach dem vorher geäußerten Wunsch des Patienten und in Rücksprache mit den Angehörigen. Eine maschinelle Beatmung ist beispielsweise nicht immer sinnvoll, ethisch vertretbar und im Sinne des Patienten. Aber diese Abwägungen sind nicht einfach. Nichts zu tun ist für Mediziner manchmal am allerschwersten. Wir standen einige Male vor der Entscheidung: Eskalieren wir jetzt noch mehr und suchen überregional nach einem Intensivbett? Deshalb sprechen wir darüber mit unseren Patienten. Drei- oder viermal mussten wir zuletzt auf weiter entfernte Intensivstationen ausweichen, um unsere Patienten versorgen zu können.

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