https://www.faz.net/-ivn-abgwt

Lungenarzt im Interview : „Die frustrierendsten Tage der gesamten Pandemie“

Eine Entspannung der Pandemielage ist bei Ihnen noch nicht zu spüren?

Die allgemeine Entspannung zeigt sich bei den Neuinfektionen. Das freut uns, und es zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Aber bei uns ist das noch nicht angekommen. Die Entwicklung hinkt hier immer etwas hinterher, die Anzahl der Neuinfektionen heute bestimmt, wie viele Patienten in zwei Wochen ins Krankenhaus kommen. Ich hoffe, dass wir das bald merken. Aber die Karten wurden durch die Impfungen und die Mutation neu gemischt. Es ist sehr gut, wenn die Inzidenz bei den über Achtzigjährigen sinkt. Aber was eine weiterhin hohe Inzidenz bei dann noch jüngeren Menschen für uns bedeutet, kann ich noch nicht genau sagen.

Gibt es mittlerweile Studien zu der Frage, ob durch die Mutation B.1.1.7 mehr junge Menschen von schweren Verläufen betroffen sind?

Es gibt dazu widersprüchliche Erkenntnisse aus Großbritannien. Dort hat sich gezeigt, dass B.1.1.7 in relativen und absoluten Zahlen bei unter Sechzigjährigen zu mehr schwereren Verläufen und Todesfällen geführt hat. Eine andere Studie sieht keinen signifikant messbaren Unterschied in der Krankheitsschwere. In Deutschland gibt es solche Zahlen noch nicht. Aber wenn man das subjektiv betrachtet, sind bei uns aktuell mehr als die Hälfte der Patienten unter 65. Das ist eine völlig andere Situation als in der zweiten Welle. Das ist nicht nur durch einen statistischen Effekt nach der Impfung Älterer erklärbar, da wir diese Zahl an jungen Patienten auch auf dem Höhepunkt der zweiten Welle hier nicht gesehen haben.

Gibt es Milieus, die von der Impfkampagne kaum erreicht werden?

Ja. Das ist ein Problem, das wir täglich sehen. Zu uns kommen ältere Menschen, die noch nie etwas von der Möglichkeit einer Corona-Impfung gehört haben, geschweige denn wissen, wie man sich dafür anmeldet. Das liegt nicht selten an Sprachbarrieren. Wir wissen, dass diese Krankheit eine starke soziale Komponente hat. Jetzt besteht die Gefahr, dass dieses Phänomen durch sozial asymmetrisches Impfen noch verstärkt wird. Daher finde ich diese Initiative in Köln sehr gut, wo man mit einem mobilen Impfteam in einen sozialen Brennpunkt mit einer sehr hohen Inzidenz gegangen ist.

Gibt es Fortschritte bei der medikamentösen Behandlung von Covid-19-Patienten?

Das Wundermittel fehlt immer noch. Das einzige Medikament, das nachweislich die Sterblichkeit von Covid-Patienten reduziert, ist Dexamethason. Das hilft bei schweren Verläufen eher in späteren Stadien. Mit anderen Medikamenten, die nur in der Frühphase antiviral wirken, kann die Krankheitsdauer verkürzt werden. Aber zu einer signifikanten Senkung der Sterblichkeit führt das nicht. Zwischen den Medikamenten für die Frühphase und die Spätphase gibt es eine Lücke. Die Patienten kommen zu uns genau im Übergang von der viralen Phase zur Phase, in der die Lunge betroffen ist – und hier fehlt eine effektive Therapie. Das ist schon ein extremer Unterschied zu der vergleichsweise schnellen Entwicklung von Impfstoffen. Offenbar ist es viel schwieriger, ein wirksames antivirales Medikament gegen Covid-19 zu entwickeln.

Wir haben im Mai 2020 zum ersten Mal ein Interview geführt. Haben Sie seitdem auch Hass abbekommen?

Wenn man aus dem Klinikalltag berichtet, macht man die Pandemie real und fassbar. Vielen Menschen hilft das, um die aktuelle Situation zu verstehen und sich selbst eine Meinung dazu zu bilden. Aber andere möchten sich mit der Krankenhausrealität nicht auseinandersetzen und empfinden diese Berichte als angsteinflößend. Das war nie meine Absicht. Ich beschreibe, was wir seit einem Jahr tun und was wir sehen. Die Arbeit auf dieser Station ist wichtig, unsere Patienten sind gut versorgt, und das gibt mir die innere Ruhe, mit Anfeindungen umgehen zu können.

Glauben Sie an einen schönen Sommer – auch für sich selbst?

Für die meisten Menschen schon, für uns noch nicht. Die Covid-Station wird wohl immer noch da sein, so wie im vergangenen Sommer. Wir werden noch Patienten behandeln, die langwierige Verläufe haben und Menschen, die beim Impfen spät drankommen oder sich nicht impfen lassen können oder möchten. Wenn alles gut geht, wird sich im Herbst dann hoffentlich die Herdenimmunität durchsetzen. Vielleicht muss man Covid-19 dann irgendwann nur noch wie einer Erkältungskrankheit begegnen. Das ist zumindest meine Hoffnung.

Weitere Themen

„Wir erwarten Rekordtemperaturen“ Video-Seite öffnen

Hitzewelle in Südosteuropa : „Wir erwarten Rekordtemperaturen“

In Griechenland ist erholsamer Urlaub derzeit nur bedingt möglich. Das Thermometer schlägt auf bis zu 45 Grad aus. Und in den nächsten Tagen könnte es noch gravierender kommen, wie ein Klimatologe aus Athen warnt.

Topmeldungen

Schulklasse in Bayern

„Für mich unbegreiflich“ : Krankenhausgesellschaft kritisiert RKI

Im Streit um eine mögliche Abkehr von der Sieben-Tage-Inzidenz als Hauptrichtwert in der Corona-Politik bemängelt die Deutsche Krankenhausgesellschaft das Verhalten des RKI. Es könne nicht sein, dass das Institut auf allen Daten sitze, aber keine neuen Vorschläge mache.
Einsatz in Kirli: Feuerwehrleute versuchen ein Feuer in der türkischen Provinz Antalya unter Kontrolle zu bringen.

Brände in Türkei und Italien : Heftige Feuer im Mittelmeerraum

In der Türkei und in Italien brennen die Wälder. Schuld sind womöglich Brandstifter. Eine seit Anfang der Woche andauernde Hitzewelle in Griechenland geht indes auf ihren Höhepunkt zu – mit Temperaturen von bis zu 45 Grad.
Markus Söder im Landtag, im Vordergrund Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) am Rednerpult

Testpflicht und Impfregime : Söders Sorgen

Die Testpflicht ist das Eingeständnis von Bund und Ländern, dass ihre Strategie nicht aufgegangen ist. Die Impfmüdigkeit ist zu groß. Der Grund: Eigensinn und Politiker wie Hubert Aiwanger.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.