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Lungenarzt Çelik im Interview : „Hat man ein Recht auf eine Krankheit?“

Besorgt über die aktuellen Entwicklungen: Oberarzt Cihan Çelik Bild: Lucas Bäuml

Angesichts der steigenden Fallzahlen vergrößert das Klinikum Darmstadt seine Covid-Isolierstation. Im Gespräch berichtet Lungenarzt Cihan Çelik von Patienten mit Verweigerungshaltung und was aus seiner Sicht für eine Impfpflicht spricht.

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          Herr Doktor Çelik, wir sprechen ja regelmäßig über Ihre Arbeit als Oberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt. Wie ist die Lage?

          Julia Anton
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Wir blicken mit großer Sorge in unsere Nachbarbundesländer, in denen mit dem Anstieg der Inzidenzen auch mehr Patienten in die Krankenhäuser kommen. Das ist auch bei uns in Hessen bereits der Fall, wenn auch noch auf niedrigerem Niveau. Unsere Station werden wir ab Montag vergrößern. Wir wollen nicht wieder warten, bis wir mit dem Rücken zur Wand stehen. Bis dahin halten wir uns mit Verlegungen in kleinere Krankenhäuser über Wasser. Wir machen uns angesichts der aktuellen Lage keine Illusionen, dass nicht bald wieder mehr Betten notwendig sein werden. Das heißt auch: Ein anderer medizinischer Bereich muss seine Kapazitäten reduzieren. Alle Eingriffe, die aufschiebbar sind, werden aufgeschoben, damit wir Personal für die Covid-Versorgung freistellen können.

          Im Fokus sind weiterhin die Ungeimpften. Wie groß ist ihr Anteil an den Patienten?

          In der vierten Welle waren bislang 72 Prozent unserer Patienten nicht geimpft. Für die Geimpften auf unserer Station gilt: Ein schwerer Covid-Verlauf blieb selten, dazu kam es nur in zehn Prozent der Fälle. Das ist eine Größenordnung, mit der wir gerechnet haben und die auch statistisch erklärbar ist. Wenn eine große Gruppe von Menschen mit einem zu 90 Prozent wirksamen Impfstoff geimpft ist, müssen einige von ihnen im Krankenhaus versorgt werden. Und die fehlenden 10 Prozent werden aufgrund der Größe der Gruppe der Geimpften zu realen Fällen auf Station. Für mich ist entscheidend, ob schwer verlaufende Impfdurchbrüche über das statistisch zu erwartende Maß zunehmen, und das ist nicht der Fall.

          Kann die Booster-Impfung für diese Patienten zum Game-Changer werden?

          Ja. Diese zehn Prozent, die einen schwer symptomatischen Impfdurchbruch haben, sind entweder mit Johnson & Johnson geimpft, sehr hochbetagt oder leiden an immunschwächenden Grunderkrankungen. Sie haben den größten Effekt durch die Booster-Impfung zu erwarten. Aber auch jüngere Menschen profitieren davon: Man muss die dritte Impfung nicht mehr als Booster begreifen, sondern als elementaren Teil der Impfserie, zu der nicht zwei, sondern drei Impfungen gehören für den besten Impfschutz.

          Hatten Sie auf der Station auch Genesene, die Sie ein zweites Mal behandeln mussten?

          In dieser Woche hatten wir tatsächlich einen Fall. Der Patient leidet an einer komplizierten Blutkrebserkrankung. Als er sich zum ersten Mal infiziert hat, gab es die Impfung noch nicht. Obwohl er inzwischen zusätzlich zur Genesung geimpft ist, war sein Immunschutz nicht ausreichend. Immerhin hat er nur einen milden Verlauf und benötigt keinen zusätzlichen Sauerstoff. Gerade diese ganz vulnerable Gruppe gilt es mit einer Niedrig-Inzidenz-Strategie zu schützen. Wären wir alle geimpft, würden auch die Menschen profitieren, die keinen ausreichenden Eigenschutz bilden können.

          Ist es weiterhin Nachlässigkeit, die viele vom Impfen abhält, oder behandeln Sie vermehrt Impfgegner?

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