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Lungenarzt im Interview : „Die Patienten stehen mitten im Leben“

„Insgesamt haben sich die Kenngrößen in der Pandemie verändert“, sagt Cihan Çelik. Bild: Frank Röth

Lungenarzt Cihan Çelik spricht im Interview über die schweren Verläufe unter den jüngeren Covid-Patienten, wie Personalabteilungen zum Pandemiegeschehen beitragen und was ihn an #allesdichtmachen geärgert hat.

          5 Min.

          Herr Doktor Çelik, wir sprechen regelmäßig über Ihre Arbeit als Oberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt. Wie ist aktuell die Lage?

          Sebastian Eder
          (sede.), Gesellschaft

          Es ist ein gemischtes Bild. Aktuell haben wir bei uns den Zenit der Neuaufnahmen vorerst überschritten. Wir wissen noch nicht genau, wie es weitergeht. Aber auf der Normalstation entspannt sich die Situation etwas, wir haben in den vergangenen Tagen weniger Patienten aufgenommen und gleichzeitig einige Patienten entlassen können. Ganz anders sieht es leider auf der Intensivstation aus: Da steigt die Zahl der Covid-Patienten, gerade mussten die Räumlichkeiten vergrößert werden. In der Vergangenheit war es so, dass sich die Situation zuerst auf der Normalstation entspannt hat und zwei Wochen später dann auf der Intensivstation. Jetzt ist die Besonderheit zu beobachten, dass viele Patienten sehr schnell nach der Krankenhausaufnahme auf die Intensivstation müssen. Die klinischen Verläufe sind momentan schwerer. Die Korrelation zwischen Patienten auf der Normal- und auf der Intensivstation ist in der dritten Welle durcheinandergeraten.

          Woran liegt das?

          Insgesamt haben sich die Kenngrößen in der Pandemie verändert. In den ersten zwei Wellen war der Anteil der Infizierten, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, recht konstant – also die Hospitalisierungsrate. Das ist ein wichtiger Wert für die Planung im Krankenhaus und für politische Maßnahmen. Dieser Wert scheint niedriger geworden zu sein, weil viele alte Menschen jetzt geimpft sind. Es brauchen weniger Infizierte eine Krankenhausbehandlung. Gleichzeitig scheint die Intensivquote aber deutlich höher zu sein – also der Anteil der Patienten im Krankenhaus, die auf die Intensivstation müssen. Durch die Mutation B.1.1.7 hat sich der Verlauf der Krankheit verändert. Es müssen viele junge Menschen unter 50 mit sehr schweren Verläufen behandelt werden. Das kann eigentlich nur an der Mutation liegen. Alle anderen Faktoren waren in der zweiten Welle ähnlich wie jetzt. Auch die Inzidenz unter den jüngeren Menschen war nicht viel niedriger. Aber in der dritten Welle sehen wir viel häufiger junge Patienten mit schweren Verläufen.

          Inwiefern haben sich die Verläufe verändert?

          Vorher kamen die Patienten meist eine Woche nach Symptombeginn mit milden oder schweren Symptomen auf die Normalstation, zu Beginn der zweiten Krankheitswoche hat sich oft eine Verschlechterung eingestellt. Jetzt läuft es bei uns öfter so, dass die Patienten schon mit sehr wenig Sauerstoff im Blut in der Notaufnahme ankommen oder schon Gefäßverschlüsse haben. Einige müssen direkt auf die Intensivstation – das haben wir vorher selten gesehen, jetzt kommt das regelmäßig vor. Sollte der Anteil der intensivpflichtigen Patienten unter den Infizierten weiter ansteigen, hilft auch ein leichtes Absinken der Neuinfiziertenzahlen nicht, um die Intensivstationen zu entlasten. Aber noch lässt sich das nicht richtig einschätzen.

          Es ist also noch kein Grund zur Freude, dass sich der Inzidenzwert auf hohem Niveau eingependelt hat?

          In Darmstadt liegt er schon seit ein paar Wochen um 100, da scheint ein Plateau erreicht. Aber der Inzidenzwert muss in seiner Bedeutung für uns neu geeicht werden. Er ist immer noch eine entscheidende Größe, aber wir wissen nicht mehr genau, welcher Wert welche Bedeutung für die Entwicklung im Krankenhaus hat. Subjektiv wirkt es bei uns so, als müssten die jüngeren Patienten im Schnitt länger behandelt werden, auch das spielt eine Rolle. Sie haben eine sehr viel höhere Chance, die Intensivtherapie zu überleben – aber mit einer höheren Liegezeit.

          Wann verlegen Sie Patienten von der Normal- auf die Intensivstation?

          Covid-Stationen sind mittlerweile richtige Überwachungsstationen geworden. Es werden sekundengenau die Vitalparameter der Patienten überwacht, so können auch Patienten, die einen höheren Sauerstoffbedarf haben, noch lange sicher bei uns behalten werden. Ein Patient muss beispielsweise auf die Intensivstation, wenn er mehr Sauerstoff braucht, als man auf einer Normalstation verabreichen kann. Maschinelle Druckbeatmung findet zum Beispiel auf der Intensivstation statt. Außerdem wird ein Patient verlegt, wenn wir merken, dass eine sehr unheilvolle Dynamik begonnen hat. Tritt innerhalb von kurzer Zeit eine Verschlechterung der Sauerstoffwerte auf und verschlechtert sich gleichzeitig das Röntgenbild der Lunge, verlegen wir manchmal Patienten, die ihre Luftnot selbst noch gar nicht so bemerken. Man erschrickt immer noch darüber, wenn man einen Patienten, der lächelt und mit uns spricht, auf die Intensivstation verlegt und er dort Stunden später intubiert werden muss.

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