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Lungenarzt im Interview : „Die Patienten stehen mitten im Leben“

Es wurde bekannt, dass Asthmaspray bei Covid-Erkrankungen helfen kann. Beobachten Sie das auch?

Zu Beginn der Pandemie wurden Asthmakranke als Risikogruppe eingestuft. Man hat aber sehr schnell gemerkt, dass sie eher keine schweren Verläufe haben. Und dann hat man überprüft, ob das vielleicht an Asthmasprays mit Kortison liegt. Eine Studie deutet darauf hin, dass Covid-Patienten, die das früh im Krankheitsverlauf nutzen, seltener einen schweren Verlauf haben. Diese Studie hat eine Hypothese generiert und ist Anlass für weitere, größere Studien. Man kann aus ihr noch keine Empfehlung für eine prophylaktische Einnahme oder sogar eine Nutzung ohne ärztlichen Rat ableiten. Das Spray hat auch potentielle Nebenwirkungen, es kann zu bakteriellen Pneumonien führen oder zu Pilzinfekten im Mund. Deswegen sollte man das nur nehmen, wenn es der Hausarzt oder Lungenarzt empfiehlt.

„Die Reserven sind erschöpft“, so Çelik  über die Stimmung beim Personal: Mitarbeiter eines Impfzentrums.
„Die Reserven sind erschöpft“, so Çelik über die Stimmung beim Personal: Mitarbeiter eines Impfzentrums. : Bild: dpa

Aus welchen Bevölkerungsgruppen kommen Ihre Patienten aktuell?

Das sind Menschen, die mitten im Leben stehen: Eltern, Berufstätige, oft auch Menschen aus prekären Wohn- und Arbeitsverhältnissen. Die Ansteckungen finden, soweit man das eruieren kann, weiterhin vor allem im familiären und beruflichen Umfeld statt. In vielen Personalabteilungen wird leider aus mangelndem Detailwissen sehr inkonsequent gehandelt. Wenn man den Personalabteilungen oder den Chefs die Entscheidungen über das Kontaktpersonenmanagement überlässt, geht vieles schief. Wir haben immer wieder mitbekommen, dass eine Quarantäne nach einem Risikokontakt abgekürzt wurde, weil es keine Symptome gab und direkt nach dem Kontakt ein Test gemacht worden ist. Das geschieht auch aus Unwissen, weil Gesundheitsämter nicht eingebunden oder nicht erreicht werden. Jeder Fehler kann zu weiteren Infektionen führen.

Wie ist die Stimmung beim Krankenhauspersonal?

Die Reserven sind erschöpft, wir machen das seit einem Jahr. Und dass jetzt so viele jüngere Patienten betroffen sind, ist emotional noch mal belastender. Viele junge Patienten hatten sich in Sicherheit gewähnt und sind sehr erschrocken darüber, wenn es sie auf einmal so hart trifft. Das geht auch an hartgesottenen Pflegenden und Medizinern nicht spurlos vorbei. Es ist auf der einen Seite zunehmend schwierig, Personal für die Covid-Abteilung zu gewinnen. Auf der anderen Seite macht die Covid-Abteilung die Abläufe in allen anderen Bereichen des Krankenhauses nicht leichter. Mal müssen wir uns ausbreiten, dann wieder zurückziehen, das ist schwer kalkulierbar. Es kann in einem Krankenhaus grade nur sehr schlecht geplant werden, und das ist immer Gift für die Stimmung beim Personal.

Was halten Sie davon, dass sich prominente Schauspieler unter dem Schlagwort #allesdichtmachen über Corona-Maßnahmen lustig machen?

Der wirtschaftliche und kulturelle Schaden des vergangenen Jahres ist sicher groß, es steckt also ein Kern legitimer Kritik in dieser Aktion – oder zumindest eine nachvollziehbare Motivation. Allerdings ist meiner Meinung nach der Inhalt, den ich nicht von Querdenker-Argumenten unterscheiden kann, der Zynismus und die spottende Ironie, Gift für die öffentliche Diskussion, ohne dass ich im Detail auf die Thesen eingehen möchte. Es ist in diesen Diskussionen sehr wichtig, sachlich zu bleiben. Diese Aktion ist meiner Meinung nach das Gegenteil: polemisierend, populistisch, wissenschaftsleugnend und unfair. Speziell von Menschen, die das Glück haben, durch Alter und sozioökonomischen Status nicht zur absoluten Risikogruppe zu gehören. Offen gesagt, fühlt man sich als Mediziner davon verhöhnt. Ich glaube vielen Menschen in den Gesundheitsberufen, aber auch Angehörigen und Patienten geht es gerade so.

Sie wurden kürzlich mit Astra-Zeneca geimpft. Warum? Für Ihr Alter ist der Impfstoff nicht mehr empfohlen.

Einige Bundesländer lockern die Vorgaben dazu bereits. Ich hatte eigentlich einen Termin für eine Biontech-Impfung, habe aber darum gebeten, dass ich einen anderen Impfstoff bekomme. Ich halte den Impfstoff für mich persönlich für sicher und wirksam. Vor Ort konnte ich noch mit einer ärztlichen Kollegin reden und wurde nach einer Beratung mit dem Vakzin von Astra-Zeneca geimpft. Der Impfstoff wird aktuell oft von Menschen über 60 verschmäht, bleibt häufiger liegen, das bremst die Impfkampagne. Ich möchte einfach, dass die Impfkampagne schnell vorankommt.

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