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Lungenarzt Çelik im Interview : „Bei Impfdurchbrüchen liegen oft kritische Grunderkrankungen vor“

Cihan Çelik im Klinikum Darmstadt: „Die Öffentlichkeit kriegt wenig davon mit, wie viel Improvisationstalent in den Kliniken gefragt ist.“ Bild: Lucas Bäuml

Lungenarzt Cihan Çelik behandelt mittlerweile auch Covid-Patienten mit symptomatischen Impfdurchbrüchen. Im Interview spricht er über diesen erwartbaren Effekt, gefälschte PCR-Tests und seine Befürchtungen für den Winter.

          6 Min.

          Herr Doktor Çelik, wir sprechen regelmäßig über Ihre Arbeit als Oberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt. Wie ist die Lage?

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Die Patientenzahl hat sich nach dem Anstieg infolge des Endes der Sommerreisezeit auf einem Plateau eingependelt. Die Neuaufnahmen und Entlassungen haben sich zuletzt etwa die Waage gehalten, und wir konnten das Covid-Geschehen auf einer Normalstation gut beherrschen, ohne andere medizinische Bereiche einschränken zu müssen. Leider fehlen nicht viele zusätzliche Fälle, um die Lage aus dem Gleichgewicht zu bringen. Als Maximalversorger tragen wir im Vergleich zu den umliegenden Krankenhäusern die Hauptlast. Auch in Zeiten mit etwas niedrigerer Inzidenz bleibt die Anzahl der Neuaufnahmen bei uns im Vergleich höher. Sobald es wieder mehr Neuaufnahmen werden, müssen wir Patienten auf andere Krankenhäuser verteilen, dann sind auch diese betroffen. Wenn man auf die aktuelle Entwicklung der Inzidenz blickt, muss man damit rechnen, dass die Anzahl der Hospitalisierungen bald wieder steigt.

          Hat es Sie überrascht, dass die Lage zuletzt so stabil war?

          Die großen Entwicklungen sind meistens gar nicht so überraschend. Nur der Zeitpunkt des Ansteigens und Absinkens kann etwas variieren. Überraschend war, dass so früh im Spätsommer die Infektionszahlen schon so stark angestiegen sind. Das hatte viel mit dem Reisen zu tun. Die jetzt wahrscheinlich bevorstehenden Fälle an Infektionen und Krankenhausaufnahmen werden das sein, was wir eigentlich als vierte Welle erwartet haben. Die hängt dann auch mit den kälteren Temperaturen und daraus folgenden Ansteckungen in Innenräumen zusammen. Darauf bereiten wir uns vor. Die Zahl unserer ungeimpften Patienten zeigt: Von der Impfquote her sind wir noch nicht da, wo wir gerne wären.

          Gesundheitsminister Jens Spahn hält die Impfquote für ausreichend, um die „epidemische Lage nationaler Tragweite“ Ende November zu beenden, wie er diese Woche gesagt hat. Wie finden Sie das?

          Die gesetzlichen Grundlagen zu ändern ist eine Sache der Politik. Medizinisch gesehen, ist die epidemische Situation aber dadurch noch nicht vorbei. Für uns ist die erst ausgestanden, wenn Infektionszahlen nicht mehr wellenförmig stark ansteigen können und dies nicht mehr dazu führt, dass eine hohe Zahl an Patienten zusätzlich im Krankenhaus versorgt werden muss. Dann wäre für uns die endemische Phase angebrochen. Ich gehe davon aus, dass es noch nicht so weit ist. Es ist fraglich, ob unsere Impfquote tatsächlich ausreicht, um eine Verschärfung der Lage in den Kliniken zu verhindern – bei dem zu befürchtenden Anstieg der Infektionszahlen im Herbst und Winter.

          In Großbritannien steigen die Infektionszahlen aktuell rasant an – trotz einer hohen Impfquote.

          Dort wurde das Experiment gestartet, fast alle Maßnahmen recht früh fallen zu lassen. Die Neuinfektionszahlen sind im europäischen Vergleich stark anstiegen. Die Zahlen der Krankenhausaufnahmen und Todesfälle sind aber sehr viel niedriger als im vergangenen Winter. Der Unterschied ist natürlich die Impfquote und die Zahl der Genesenen. Es bleibt eine gesellschaftliche Diskussion, wie viel Krankheitslast man in Kauf nehmen will, bis man wieder Maßnahmen ergreift. Auch in Großbritannien wird das derzeit wieder angesichts von fast 50.000 Fällen am Tag diskutiert. Dramatisch ist die Situation in Rumänien, wo bei einer sehr geringen Impfquote gerade ein Zusammenbruch des Gesundheitssystems droht. Die Erfahrungsberichte der Kolleginnen und Kollegen aus Rumänien sind bestürzend. Daher bin auch sehr dankbar für die Impfquote in Deutschland und unsere Situation.

          Wie hat sich das Verhältnis von geimpften und ungeimpften Patienten bei Ihnen entwickelt?

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