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Lungenarzt Cihan Çelik : „Ich bin etwas desillusioniert“

Das machen die Kollegen unserer Intensivstation. Es gibt eine Eskalationsleiter, mit der wir für die Aufrechterhaltung der Sauerstoffversorgung sorgen, wenn die Lunge diese Aufgabe nicht mehr übernehmen kann: Zuerst gibt es die Sauerstoffgabe über eine Nasenbrille. Reicht das nicht aus, kommt die Sauerstoffmaske, danach die Sauerstoffmaske mit Reservoir zum Einsatz. Und dann kommen intensivmedizinische Methoden: zum einen High-Flow-Sauerstoff, zum anderen eine Maske oder sogar ein Helm mit Druckbeatmung. Funktioniert das auch nicht, muss eine Intubation stattfinden, in der eine Maschine die Lunge mit Druck auf direktem Weg mit Sauerstoff versorgt. Dafür muss der Patient in eine Narkose versetzt werden. Landet dann immer noch nicht genug Sauerstoff im Blut, muss die Aufgabe der Lunge komplett von einer Maschine übernommen werden. Das erfordert nicht nur ein Gerät, sondern auch ein eingelerntes, spezialisiertes pflegerisches und ärztliches Team. Das ist nicht banal, der Patient muss 24 Stunden am Tag genau beobachtet werden, das bindet viel mehr Kräfte. Eine Pflegekraft kann nur einen ECMO-Patienten betreuen. Wir haben zwei solcher Maschinen, die sind momentan belegt. Deswegen mussten die Kollegen der Intensivstation alleine in der vergangenen Woche vier Patienten in andere Häuser ausfliegen, um diese ECMO-Therapie durchführen zu lassen.

Wieder deutlich mehr Belastung: Im Klinikum Darmstadt gilt nun abermals  der ärztliche 24-Stunden-Covid-Dienst.
Wieder deutlich mehr Belastung: Im Klinikum Darmstadt gilt nun abermals der ärztliche 24-Stunden-Covid-Dienst. : Bild: Lucas Bäuml

Über angeblich zu frühe Intubationen bei Covid-Patienten gab es am Anfang der Pandemie viele Schlagzeilen. Hat das die Menschen verunsichert?

Ja, und das macht unsere Arbeit sehr schwierig. Die Intubationskriterien haben sich zunächst auf Empfehlungen aus China gestützt. Die haben sich sehr früh noch in der ersten Welle mit eigenen Erkenntnissen sehr gewandelt. Es gibt in der Medizin das Prinzip der Informierten Einwilligung. Wir beraten Patienten so, dass sie auf dieser Grundlage eine gute medizinische Entscheidung treffen können. Die Kollegen von der Intensivstation haben mir bestätigt, dass das aktuell auch bei ihnen immer wieder nicht gut funktioniert. Patienten haben wiederholt eine Intubation abgelehnt, die eine lebensrettende Maßnahme ist, weil sie gehört haben, dass die Überlebensrate bei einer Intubation schlecht ist. Aber das liegt nicht an der Intubation, sondern an dem schlechten Zustand, der eine Intubation erforderlich macht. Auch bei Medikamenten müssen wir solche Diskussionen führen. Und dann stehen wir da und wissen, dass wir aus ärztlicher Sicht nicht das Optimum an Therapie machen, weil es aus Unwissenheit, aber Überzeugung abgelehnt wird. Das ist frustrierend für uns.

Wie hoch ist die Arbeitsbelastung für Sie und Ihre Kollegen?

Sehr hoch. Es sind weniger Covid-Patienten als in den vorherigen Wellen, aber es gibt auch viel weniger Personal, das sich um sie kümmert. Denn der restliche Krankenhausbetrieb läuft im Normalbetrieb. Wir verfügen für unseren Fachbereich über eine bestimmte Zahl an Ärzten, die sich aber nicht nur um den Covid-Bereich kümmern müssen. Jetzt geht es wieder in den Schichtdienst, dadurch sinken die Kapazitäten. Wer Nachtdienst hat, kann am nächsten Morgen nicht arbeiten. Es ist eine Herausforderung, das zu planen, ohne dass die Kollegen ausgebrannt werden. Das ist gerade sehr schwierig. Wir wollten mit Blick auf den Herbst nicht zu früh beginnen, sehr viel Personal einzusetzen, das dann in anderen Bereichen fehlt. Aber wir sind schon wieder im Drei-Schicht-System, viel Freizeit gibt es nicht.

Was für Auswirkungen hat es auf die Motivation des Personals, dass viele der Patienten sich gegen eine Impfung entschieden haben?

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