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Covid-19-Arzt im Interview : „Diesen einen Patienten nicht verpassen, der viele andere anstecken kann“

Behandelt Covid-19-Kranke: Dr. med. Cihan Çelik im Klinikum Darmstadt Bild: Privat

Alle zwei Wochen sprechen wir mit Cihan Çelik über seine Arbeit auf einer Covid-19-Isolierstation. Dieses Mal geht es um Superspreader, die erkannt werden müssen, das Präventionsparadox – und um anstehende Lockerungsmaßnahmen.

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          Herr Doktor Çelik, wir sprechen alle zwei Wochen über Ihre Arbeit als Funktionsoberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt. Wie ist dort aktuell der Stand?

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Wir haben seit circa zwei Wochen keinen neuen positiven Fall mehr gehabt und in dieser Woche haben wir den letzten Covid-19-Patienten entlassen. Glücklicherweise sind unsere Stadt und der Landkreis nicht stark betroffen gewesen. Es beginnt also quasi die erste Post-Corona-Zeit in unserem Krankenhaus. Das heißt nicht, dass es kein Thema mehr ist, und das heißt nicht, dass wir personell und organisatorisch Abstriche machen. Die Wachsamkeit bleibt weiterhin groß, die Anzahl der Tests, die wir bei Verdachtspatienten machen, bleibt weiterhin hoch. Und deswegen ist auch auf der Covid-Isolierstation auch weiterhin viel Betrieb.

          Einen Teil der Covid-19-Isolierstation haben Sie wieder für andere Lungenpatienten geöffnet?

          Der Fokus verschiebt sich jetzt gerade von der akuten Pandemiebekämpfung zur Bekämpfung und Verhinderung von Hotspots. Wir wollen vor allem keinen positiven Patienten verpassen. Darum bleiben die Testkriterien weiterhin weit gefasst. Wir testen sehr viel, trotz weniger positiver Ergebnisse. Aktuell fällt der Covid-Verdacht meist nebenher auf. Die Patienten haben eigentlich ganz andere dringende medizinische Probleme, wenn sie hier auf die Station kommen. Aber es gibt dann eben doch noch Husten, Luftnot, eine Auffälligkeit im Röntgenbild oder einen Geruchs- und Geschmacksverlust, was zu einem Covid-19-Test führt.

          Die meisten Corona-Patienten werden eher zufällig entdeckt?

          Zufällig nicht, aber sie werden getestet, weil sie eher unspezifische Covid-19-Symptome aufweisen. Dafür haben wir Screening-Instrumente, die bei bestimmten Symptomen zwangsläufig sagen: Dieser Patient muss getestet werden. Aktuell ist die ganz große Herausforderung für uns, dass es bei diesen Patienten in der Zeit, in der der Covid-Abstrich noch nicht fertig ist, keine Verzögerungen in der Therapie gibt. Zum Beispiel bei einem Patienten mit gebrochenem Arm oder bei Eiteransammlungen in der Brusthöhle oder einer schweren Lungenentzündung. Da muss umgehend trotz der erforderlichen Isolationsmaßnahmen eine volle Diagnostik und Therapie stattfinden können.

          Dr. Cihan Çelik und seine Kollegen behandeln Covid-19-Patienten in Darmstadt
          Dr. Cihan Çelik und seine Kollegen behandeln Covid-19-Patienten in Darmstadt : Bild: privat

          Sind unter uns also Covid-19-Patienten, die nichts von ihrer Erkrankung merken?

          Wir wissen ja, dass insbesondere jüngere Menschen sehr wenig oder gar keine Symptome haben können. Darum sind die Testkriterien bei uns besonders weit gefasst. Fieber, Husten, Luftnot oder auch ein Patient, der aus einem Pflegeheim kommt oder Kontakt zu Covid-19 Patienten gehabt haben könnte – bei diesen Kriterien wird schon getestet. Hat ein Patient wirklich gar keine Symptome, ist es tatsächlich schwierig, das zu erkennen, weil wir in Deutschland momentan nicht jeden ohne Symptome testen. Da greifen die allgemeinen Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen. Diese Maßnahmen verhindern, dass symptomfreie Infizierte das Virus weitertragen.

          Dabei gab es in Frankfurt ja nun auch einen Hotspot, bei einem Gottesdienst haben sich viele Menschen angesteckt.

          Richtig, da arbeiten wir auch eng mit den lokalen Gesundheitsbehörden zusammen. Unsere zentrale Notaufnahme, unsere Intensivstation und wir erhalten Bescheid, wenn es einen lokalen Hotspot gibt. Und wenn ein Patient zu uns kommt, dann wird genau nachgefragt: Wie führt der Weg sie ins Krankenhaus? Wo kommen Sie her? Mit wem hatten Sie Kontakt? Und bei der Nachverfolgung spielen dann die individuellen Testkriterien keine Rolle mehr, dann wird allein aus dem Grund, dass man Kontakt gehabt haben könnte, getestet.

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