https://www.faz.net/-ivn-a0d93

Covid-19-Arzt im Interview : „Diesen einen Patienten nicht verpassen, der viele andere anstecken kann“

Müssen Covid-19-Patienten, die entlassen wurden, mit bleibenden Schäden rechnen?

Viele Patienten fragen uns das, wir telefonieren auch mit genesenen Patienten. Da wird uns immer wieder berichtet, dass subjektiv immer noch Luft fehlt. Auch bei Erkrankten, die schon über sechs Wochen wieder zu Hause sind, fällt auf, dass etwa beim Treppensteigen die Leistungsfähigkeit geringer geworden ist, schneller Luftnot auftritt. Es ist immer noch zu früh, um zu sagen, ob das wirklich bleibende Schäden sind, aber es gibt eben Hinweise darauf, dass eine gewisse Art von Vernarbungen der Lunge nach diesen schweren Lungenentzündungen aufgetreten sein könnten. Deshalb möchten wir jetzt auch verstärkt auf die Lungen-Rehabilitation setzen. Wir ermuntern entlassene Patienten zu einer Lungen-Reha. Das fangen wir hier schon auf der Station an: Die Patienten machen Lungensport mit einem Video.

 Was halten Sie von den Lockerungsmaßnahmen?

Ich möchte mich nicht dazu äußern, wie die verschiedenen Länder mit Lockerungen umgehen. Mit einer gewissen Güterabwägung, die Aufgabe der Politik ist, kann ich schon verstehen, dass man wieder mehr lockert. Es ist uns allen klar, dass es uns wirtschaftlich und gesellschaftlich vor Probleme stellt. Im Krankenhaus berufen wir uns auf unsere Kernkompetenz – für den Fall, dass es wieder zu mehr Infektionen kommt. Wir sind für die Behandlung der Erkrankten da. Lockerungsmaßnahmen werden einen gewissen Anstieg an Infektionszahlen nach sich ziehen. Die Frage ist nur: Wird dieser Anstieg so groß sein, dass er in unserem Gesundheitssystem nicht mehr zu beherrschen ist? Ich habe da eindeutig Hoffnung, dass wir es beherrschen können. Unser Ziel „Flatten-the-curve“ haben wir hier aus unserer Sicht erreicht.

Es erscheint einigen Menschen in Deutschland gerade so, dass wir hier sehr glimpflich davongekommen sind. Darum werden die strikten Maßnahmen hierzulande kritisiert. Wie begegnen Sie den Zweiflern?

Als die Lockdown-Maßnahmen losgingen, fiel bei uns schon das Wort „Präventionsparadox“. Weil wir wussten: Wenn es glimpflich ausgeht, weil wir diese Prävention betrieben haben, wird es diese Fragen geben. Ich bin froh, dass es so ausgegangen ist, ich bin froh, dass die Zweifler jetzt diese Fragen stellen. Die Alternative wäre ja wirklich ein Fiasko, da kann man nur sagen: Gerne den Blick ins Ausland wenden, nach New York, Norditalien, Madrid. Da sieht man, was passieren kann. Neue Studien belegen, dass die Präventionsmaßnahmen wirklich viele Menschenleben geschützt haben. Der gesellschaftliche Unfrieden, der durch diese massiven Einschnitte entsteht, die Unzufriedenheit bei vielen Menschen – das möchte ich keineswegs als unbegründet abstempeln. Ich kann das absolut verstehen. Aber ich bin trotzdem dankbar, dass sich die große Mehrheit in Deutschland an die Maßnahmen gehalten hat, und wir bisher so glimpflich davongekommen sind. Aber wir tun weiterhin gut daran, uns an die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu halten. Eine Alternative gibt es da nicht.

Vielen Dank, Herr Doktor Çelik. Wir hören uns in zwei Wochen – oder spätestens, wenn es auf Ihrer Station wieder voller werden sollte.

Weitere Themen

Topmeldungen

Der Youtube-Mutterkonzern Google hat die „Autocomplete“-Funktion seiner Suchmaschine angepasst, die Vorschläge macht, um Suchanfragen zu vervollständigen.

Google & Co. : Wappnen für die Wahl

Die sozialen Medien spielen im Vorfeld der amerikanischen Präsidentschaftswahl eine Schlüsselrolle. Was ist dort erlaubt – und was verboten?
Start des neuen „Neuen Marktes“ im März 2017 mit dem damaligen Börsenchef Carsten Kengeter, der Chefin des Aktieninstituts Christine Bortenlänger und Hauke Stars, damals zuständig für das Börsenparkett

Mehr als nur Facebook : Schaut auf Scale!

Es gibt einen neuen „Neuen Markt“ an der Börse. Wussten Sie nicht? Schade. Denn da gibt es interessante Aktien.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.