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Covid-19-Arzt im Interview : „Es gibt eine sehr starke soziale Komponente bei dieser Krankheit“

Gut geschützt: Cihan Çelik im Klinikum Darmstadt Bild: Privat

Alle zwei Wochen sprechen wir mit Cihan Çelik über seine Arbeit auf einer Covid-19-Isolierstation. Diesmal geht es um obdachlose Patienten, Berichte über bleibende Lungenschäden und die Frage, ob Covid-19 schmerzhaft ist.

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          Herr Çelik, wir sprechen alle zwei Wochen über Ihre Arbeit als Funktionsoberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt. Wie ist dort aktuell die Lage?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Der Schweregrad der Krankheit bei den Patienten hat sich verändert. Es sind weniger Fälle, aber die sind komplexer. Manche Patienten sind schon sehr lange bei uns, und müssen jetzt bei den Kollegen der Intensivstation von der Beatmungsmaschine oder hohen Sauerstoffgaben entwöhnt werden. Zum einen sind das also medizinisch schwere Verläufe, zum anderen kommen bei uns auf der Normalstation sozial komplexe Umstände dazu. Wohnungslosigkeit zum Beispiel oder andere Situationen, in denen keine Heimisolation möglich ist. Wir haben einen Lkw-Fahrer behandelt, der in seinem Führerhaus wohnt. Insgesamt sehen wir nach zwei Monaten Behandlung von Covid-19-Patienten, dass es eine sehr starke soziale Komponente bei dieser Krankheit gibt. Gerade Patienten, die zu Minderheiten gehören und sozial schwach sind, sind bei der Morbidität und der Mortalität am stärksten betroffen. Sie werden also verhältnismäßig öfter krank und sterben öfter an der Krankheit. Das haben Studien in Ländern wie den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Norwegen gezeigt und das sieht man auch im Mikrokosmos Krankenhaus.

          Woran liegt das?

          Viele sozioökonomische Faktoren tragen dazu bei, ob man diese Krankheit bekommt und wie schwer sie verläuft. Fettleibigkeit kann zu einem schweren Verlauf führen, das ist vor allem in sozial schwachen Schichten ein Problem, genau wie ein Mangel an gesundheitlicher Aufklärung, an gesunder Ernährung, an Sport. Symptome werden außerdem oft erst später erkannt oder ernst genommen. Ärmere Menschen sind weniger gut an Ärzte angebunden, Migranten können teilweise ihre Beschwerden nicht so gut auf Deutsch schildern. Die Menschen leben auf engerem Raum und arbeiten in Berufen, in denen sie vielen Kontakten ausgesetzt sind. Armut macht krank, das ist bei vielen Krankheiten ein Problem. Aber momentan gilt die globale Aufmerksamkeit eben Corona.  

          Behandelt Covid-19-Kranke: Dr. med. Cihan Çelik im Klinikum Darmstadt

          Wie entwickelt sich die Zahl der Verdachtsfälle, die Sie über die Notaufnahme aufnehmen?

          Sie steigt. Das liegt daran, dass die Abstrichkriterien des Robert-Koch-Instituts im Moment ziemlich weit gefasst sind, damit man auf keinen Fall einen Patienten mit Covid-19 verpasst. Die Menschen horchen viel in sich hinein. Sie kommen schon mit Symptomen zu uns, die außerhalb einer Pandemie keine Aufnahme im Krankenhaus rechtfertigen würden. Das macht es für uns einfacher, die Krankheit früh zu entdecken und so die Reproduktionsziffer zu senken – also die Anzahl der Menschen, die ein Infizierter im Schnitt ansteckt. Wir bekommen viele Verdachtsfälle, davon werden aber recht wenige wirklich positiv getestet. Dementsprechend ist die Arbeitsbelastung auf der Station erträglich. Auf der Normalstation sind aktuell sieben positiv getestete Patienten, und sieben, bei denen ein Verdacht besteht. Dazu kommen noch sechs Patienten auf Intensivstation.

          Wie geht es den Patienten auf Ihrer Station körperlich?

          Sehr unterschiedlich, deswegen war das Erkennen der Covid-Erkrankung am Anfang so schwierig. Manche Patienten haben nur ihr Geruchs- und Geschmackempfinden verloren, andere haben nur Durchfall, andere viele Symptome auf einmal. Die zielführendsten Symptome bei der Diagnose bleiben Atemnot bei Belastung, Husten, sonstige Atemwegsbeschwerden und Fieber. Die schwersten Atemwegsprobleme treten erst in einem sehr späten Stadium der Krankheit auf.

          Ist Covid-19 eine schmerzhafte Krankheit?

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