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Covid-19-Arzt im Interview : „Es gibt eine sehr starke soziale Komponente bei dieser Krankheit“

Es gibt immer wieder Berichte über Patienten mit leichtem Covid-19-Verlauf, die angeblich bleibende Lungenschäden davon tragen. Haben Sie dazu schon genauere Erkenntnisse?

Meiner Meinung nach ist es zu früh, um von bleibenden Schäden zu sprechen. Sogar bei einem Patienten, der im Februar diese Erkrankung hatte, ist dafür noch nicht genug Zeit vergangen. Bei jeder normalen Lungenentzündung empfehlen wir, nach vier bis sechs Wochen noch mal ein Röntgenbild zu machen, um zu schauen, ob es Überbleibsel gibt. Das ist gar nicht so selten. Wie bleibend die Schäden bei Covid-19 sind, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. 

Haben Sie in den vergangenen zwei Wochen noch etwas Neues über die Krankheit gelernt?

Ja, man merkt, dass es weltweit das Forschungsthema Nummer eins ist, zu dem unglaublich viel veröffentlicht wird. Blutgerinnsel und Embolien bleiben ein wichtiges Thema. Diese Embolien sind eben nicht nur in Gefäßen der Lunge zu finden und stören dort die Durchblutung, sondern auch in der Niere. Das kann Entzündungen auslösen. Unser Blick wird immer breiter, von der anfänglichen Lungenkrankheit Covid-19 sind wir jetzt bei einer Systemerkrankung angelangt. Wir arbeiten mittlerweile mit Fachärzten der Nephrologie, der Neurologie und der Kardiologie zusammen – das funktioniert sehr gut.

Wann finden Sie Zeit dafür, sich mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu befassen?

Da gibt es gar kein Entrinnen. Die tägliche Auseinandersetzung mit der Krankheit stellt einen immer wieder vor Rätsel, Probleme und Herausforderungen. Ich möchte ja verstehen, was mit unseren Patienten passiert, um ihnen helfen zu können, das ist unsere Kernaufgabe. Die Zeit muss man sich nehmen. Das heißt eben auch, nach Feierabend noch mal die aktuellen Publikationen durchzugehen. Ganz wichtig ist außerdem, dass die Professoren und Kollegen aus den verschiedenen Fachbereichen aktiv auf mich zugehen und mich auf Publikationen hinweisen. Ich kann als Lungenarzt gar nicht einschätzen, was bestimmte Erkenntnisse in der Nephrologie für meine praktische Arbeit bedeuten. Für die Therapie einer Systemerkrankung braucht es dringend eine interdisziplinäre Zusammenarbeit und ich bin froh, dass in einem Krankenhaus der Maximalversorgung Experten aller Fachrichtungen vorhanden sind.

Wie blicken Sie auf die Lockerungen der Anti-Corona-Maßnahmen?

Wir als medizinisches Personal werden mit den Konsequenzen leben – dafür sind wir aber auch da. Der reguläre Krankenhausbetrieb abseits der Covid-Stationen wird gerade wieder etwas hochgefahren. Aber wir sind bereit, wenn es wieder mehr Fälle geben sollte. Ganz wichtig ist mir, dass niemand uns als Projektionsfläche für die Unzufriedenheit mit den Beschränkungen nutzt. Wir wollen einfach nur für die Patienten da sein. Es ist erschreckend zu sehen, wie ein kleiner Teil der Bevölkerung offenbar das Vertrauen in die Wissenschaft verloren hat. Diese Krankheit wurde nicht dramatisiert, das kann ich versichern. Dass wir in so einer guten Situation sind, hat hauptsächlich damit zu tun, dass die Maßnahmen von der Bevölkerung so gut akzeptiert und umgesetzt worden sind. Da muss man ein großes Danke sagen. Jetzt ist es an der Zeit, mit Vernunft und Blick auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse an Lockerungen zu denken. Ich persönlich werde aber erst mal noch nicht in Restaurants gehen.

Haben Sie Fragen an Cihan Çelik? Schreiben Sie uns, vielleicht greifen wir Ihre Frage im nächsten Gespräch auf. Fragen zu Ihrer persönlichen gesundheitlichen Situation können wir an dieser Stelle aber nicht beantworten, bitte wenden Sie sich da an Ihren Hausarzt.

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