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Covid-Arzt im Interview : „Wie ein real gewordener Science-Fiction-Albtraum“

Wir haben Menschen da, die bei der Aufnahme noch keinen Sauerstoffbedarf haben, die sich aber in kürzester Zeit so sehr respiratorisch verschlechtern, dass man sie zu den Kollegen der Intensivstation verlegen muss, wo mehr Sauerstoff gegeben und mit Druck beatmet werden kann. Immer mit der Hoffnung, dass man sich in ein paar Tagen auf der Normalstation wiedersieht. So etwas wird nicht zur Routine.

Wurden auch Fehler gemacht? Zum Beispiel bei der Behandlung?

Wir haben herausgefunden, dass eine frühe Intubation eher nachteilig ist. Aber möchten wir die anfängliche Beatmungsstrategien als Fehler bezeichnen? Ich würde sagen: nein. Wir mussten uns anfangs ja auch auf die Erkenntnisse aus China verlassen. Eine andere Sache ist aber: Wie gehen Politik und Gesellschaft mit wissenschaftlichen Erkenntnissen um? Im Sommer wurde in den Medien einem gewissen Umgang mit dem Virus besonders viel Platz eingeräumt. Obwohl das nicht der am weitesten verbreiteten Expertenmeinung entsprach. Die kritische Diskussion wissenschaftlicher Erkenntnisse und Studien unter Experten ist wichtig. Wenn jede neue Studie, kritische Einzelfälle, unerwünschte Ereignisse in klinischen Studien zu einer Schlagzeile werden, hat die nicht-wissenschaftliche Öffentlichkeit dann Schwierigkeiten, das wirklich Wichtige vom „nicht Signifikanten“ zu unterscheiden. Das verzerrt die öffentliche Wahrnehmung. Über andere Dinge, zum Beispiel, dass sich nach wie vor mehr Menschen anstecken und schwere Verläufe haben, die Minderheiten angehören oder sozial benachteiligt sind, wird hingegen wieder weniger berichtet. Weil das Virus aktuell wieder alle Menschen betrifft. Aber eben weiterhin nicht gleichermaßen.

Hatten Sie schon mal einen Coronaleugner als Patient auf der Station?

Wenn, dann hat er es mir verschwiegen (lacht). Komischerweise sieht man im Krankenhaus keine Corona-Leugner.

Was glauben Sie, wie sieht Weihnachten 2021 aus?

Meine Prognose ist von großen Hoffnungen getrieben. Auch der vergleichsweise entspannte Sommer hat für mich persönlich zu keiner Entspannung geführt. Ich brauche in dieser Geschichte irgendeine Art von Abschluss. Darum habe ich die Hoffnung, dass wir das Virus im Laufe des kommenden Sommers irgendwie in den Griff bekommen. Das wird nicht bedeuten, dass es gar keine Maßnahmen oder Infektionen mehr geben wird. Aber mein Wunsch ist, dass wir Weihnachten 2021 im Kreis der Familie feiern können. Ohne komplizierte Schautafeln. Das hoffe ich!

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