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Covid-Arzt im Interview : „Wie ein real gewordener Science-Fiction-Albtraum“

Sie selbst hatten als Arzt ja nun auch einen schweren Verlauf. War das für Sie einfach das normale Berufsrisiko?

Wenn ich mich in die Zeit zurückversetze, zu der ich mich angesteckt habe: Alles, was man den Patienten so rät, damit ihr Immunsystem gestärkt ist, also ausreichend Schlaf, eine gesunde Ernährung, viel Sport und Zeit an der frischen Luft, all das konnte ich in diesen Wochen nicht wirklich beachten. Von daher war ich sicher nicht so abwehrbereit, wie ich es schon mal war. Aber auch das ist nur eine Hypothese. Das Ansteckungsrisiko muss man bei der Arbeit auf einer infektiologischen Station leider mit einkalkulieren.

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Haben Sie sich denn vollständig erholt? Viele Patienten berichten ja von Langzeitfolgen.

Ich beobachte keine Langzeitfolgen bei mir. Die Rippenschmerzen sind glücklicherweise fast weg. Es ist aber auch nicht ganz geklärt, wie viele der Langzeitfolgen covid-spezifisch sind. Natürlich schauen Menschen nach einer Covid-Erkrankung gerade verstärkt nach Symptomen bei sich, das ist auch gut so. Das führt aber auch zu einer Form von „Overreporting“. Je unsicherer man sich in seinem eigenen Körper fühlt, desto mehr Symptome fallen auf.

Was haben Sie gedacht, als Sie zum ersten Mal vom Virus gehört haben? Hatten Sie eine Ahnung, welches Ausmaß die Pandemie haben würde?

Zuerst waren da die Bilder aus China, Berichte von einer ominösen Lungenerkrankung. Dazu die Bilder aus Wuhan, einer abgeriegelten Stadt. Wie ein real gewordener Science-Fiction-Albtraum, aber noch weit entfernt und immer mit dem Wissen, dass die Chinesen Dinge eben anders angehen. Es war Anfang des Jahres äußert schwierig, verlässliche Informationen zu der Erkrankung zu bekommen. Es war auch nicht die erste Epidemie in den letzten 20 Jahren, die lokal verheerende Auswirkungen hatte. Mein Interesse war also zunächst akademisch. Denn auch SARS1 und MERS haben sich nicht bis zu uns ausgebreitet. Aber alles ist dann so schnell gegangen, dass auch die wildeste Phantasie nicht hinterhergekommen wäre.

Gab es in diesem Jahr ein Schicksal eines Patienten oder einer Patientin, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Bei dieser Frage gehen mir direkt ganz viele Gesichter durch den Kopf. Mir sind vor allem die Menschen im Gedächtnis geblieben, die extrem hilflos waren. Die völlig ohne Kenntnisse über diese Erkrankung und ohne zu einer Risikogruppe zu gehören schwere Verläufe hatten. Und teilweise nicht mal Deutsch sprachen. Nicht vergessen kann ich einen Lkw-Fahrer, der aus Rumänien eigentlich nur durch Deutschland fahren wollte und dann in seinem Führerhaus ohnmächtig geworden ist. Wo er sich genau angesteckt hat, wissen wir nicht. Die Kommunikation war sehr schwierig. Er ist an der Autobahnraststätte in der Nähe von Darmstadt abgeholt worden und kam dann für mehrere Wochen zu uns. Wir haben dann mithilfe der Pflegekräfte mit ihm gesprochen, die haben gedolmetscht. Und auch die Dankbarkeit, die uns die Patienten gezeigt haben, kann ich nicht vergessen. Wir waren ja während der Erkrankung oft der einzige menschliche Kontakt für die Patienten. Immer wieder hatten wir auch Fälle, in denen mehrere Familienmitglieder gleichzeitig zu uns auf die Station kamen. Das war immer sehr schwierig, wenn der eine Patient einen sehr schweren Verlauf hatte. Dann liegt die Person, die es zuerst hatte, im Nachbarzimmer und fühlt sich schuldig. Da waren ganze Familien, die zusammen gelitten haben. Das hat sich richtig in mein Gedächtnis eingebrannt.

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