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Corona-Arzt im Interview : „Remdesivir kann sehr hilfreich sein“

Dr. med. Cihan Çelik und seine Kollegen behandeln Covid-19-Patienten in Darmstadt Bild: Privat

Wie passt es zusammen, dass es mehr Infizierte, aber weniger schwere Verläufe gibt? Der Arzt Cihan Çelik über die Lage auf der Covid-19-Isolierstation in Darmstadt, Risikofaktoren für junge Menschen und neue Behandlungsmethoden.

          5 Min.

          Herr Doktor Çelik, wir sprechen regelmäßig über Ihre Arbeit als Funktionsoberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt. Wie ist aktuell die Lage?

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Wir haben in den vergangenen Wochen eine Abnahme der stationären Fälle gesehen. Aktuell haben wir zwei Covid-19-Patienten, ein Patient wird auf der Intensivstation behandelt, eine Patientin auf der Isolierstation. Die anderen Fälle, von denen ich zuletzt berichtet hatte, hatten zum Teil auch schwerere Verläufe mit hohem Sauerstoffbedarf. Aber glücklicherweise konnten bis auf einen mittlerweile alle wieder entlassen werden. Aktuell versorgen wir vor allem Patienten mit den üblichen Atemwegserkrankungen und Patienten, bei denen aufgrund eines Verdachts auf Covid-19 eine stationäre Isolation erfolgen muss, bis das Abstrichergebnis vorliegt.

          Verkleinern Sie Ihre Isolierstation wieder?

          Genau. Wir haben ein variables Konzept: Wir können die drei Bereiche für bestätigte Corona-Fälle, Verdachtsfälle und negativ getestete Patienten je nach Patientenaufkommen anpassen. Den Bereich für die bestätigten Fälle haben wir jetzt verkleinert. Mindestens zwei Betten halten wir immer frei, falls unerwartete Fälle auftreten. Aber wir möchten nicht zu viele leerstehende Betten auf der Station haben, sondern unsere Ressourcen optimal nutzen. So müssen wir die pneumologischen Patienten nicht auf fachfremden Stationen versorgen.

          Wie passt die entspannte Lage auf Ihrer Station zu den steigenden Infektionszahlen in Hessen?

          Ich berichte hier von einer einzelnen Isolierstation in einer milde betroffenen Stadt. Das Patientenaufkommen korreliert nicht immer direkt mit der landesweiten Inzidenz. Die Lage auf unserer Station kann sich entspannen, obwohl parallel die Infektionszahlen landesweit ansteigen. Umgekehrt könnte es aber trotz sinkender Infektionszahlen eine chaotische Situation auf unserer Station geben – ein lokaler Ausbruch in einem Pflegeheim kann reichen.

          Es gibt aber auch anteilig weniger schwere Covid-19-Verläufe als am Anfang der Pandemie. Woran liegt das?

          Darüber wundere ich mich überhaupt nicht. Entscheidend ist nicht nur die Inzidenz, sondern auch das Durchschnittsalter der Infizierten. Aktuell liegt der Schnitt bei 32 Jahren. Zu Beginn der Pandemie lag er bei 52 Jahren. Das Alter ist ganz entscheidend dafür, ob die Symptome so schwer werden, dass eine Behandlung im Krankenhaus notwendig wird. Wir können die gefährdeten Gruppen offenbar gut schützen, darüber bin ich sehr froh. Das sehe ich als Erfolg der gesellschaftlichen Maßnahmen und der allgemeinen Anstrengung an.

          Fettleibigkeit, Diabetes und Bluthochdruck sind laut einer Studie Risikofaktoren, die auch zu einem schweren Verlauf bei jungen Menschen führen können. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

          Diese begünstigenden Faktoren für einen schweren Verlauf sind mittlerweile in vielen Studien klar dargelegt worden. Es ist immer fraglich, ob man diesen Zusammenhang auf einer einzelnen Station nachvollziehen kann. Aber in diesem Fall ist das sehr deutlich. Schon bei der Aufnahme kann man direkt nach Faktoren suchen, die dazu führen, dass ein Patient unter 50 einen so schweren Covid-Verlauf hat, dass er im Krankenhaus behandelt werden muss. Fettleibigkeit, Diabetes oder Bluthochdruck – einer dieser Faktoren ist fast immer vorhanden. Es gibt auch Fälle, in der keine dieser Vorerkrankungen bekannt ist. Dann forschen wir aber nach – und oft sind diese Erkrankungen vorher einfach noch nicht diagnostiziert worden.

          Einzelne Virologen und Politiker fordern, bei den Hygienemaßnahmen weniger auf die Infektionszahlen als auf die Auslastung der Krankenhäuser zu achten. Was halten Sie davon?

          Zum Glück muss ich darüber nicht entscheiden. Wenn die Patienten in Massen bei uns landen würden, wäre aber vorher schon sehr viel schief gelaufen. Das Ziel sollte sein, dass es so wenig schwere Verläufe wie möglich gibt. Ich habe die Befürchtung, dass ein zu langes Warten bei der Verhängung der Maßnahmen dazu führen kann, dass wir dem Geschehen nur noch hinterherlaufen. Wenn wir darauf warten, dass die Krankenhausaufnahmen richtig ansteigen, dann könnten wir im Herbst sehr schnell in eine Situation kommen, in der wir nicht mehr handlungsfähig sind, weil die Krankenhausbetten voll und die Intensivkapazitäten erschöpft sind. Wir sind bisher sehr gut mit der Strategie gefahren, früh zu reagieren. Meiner Meinung nach sollten wir daran festhalten.

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