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Covid-Arzt an Covid erkrankt : „Es hat Spuren hinterlassen“

Ein Restrisiko bleibt: Cihan Çelik mit Schutzausrüstung im Klinikum Darmstadt vor seiner Erkrankung Bild: Privat

Eigentlich kümmert sich Cihan Çelik als Pneumologe um schwere Fälle auf der Covid-Station des Klinikums Darmstadt. Plötzlich wurde er selbst zum Patienten – und fand sich auf der Intensivstation wieder. Das erste Interview nach seiner Erkrankung.

          6 Min.

          Herr Doktor Çelik, seit Anfang Mai haben Sie uns regelmäßig von Ihrer Arbeit als Funktionsoberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt berichtet. Vor zwei Wochen sind Sie selbst positiv getestet worden. Wie geht es Ihnen?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Ich bin dabei, mich von den Strapazen einer Intensivtherapie und eines Krankenhausaufenthalts zu erholen. Das geht nicht spurlos an einem vorbei. Ich fühle mich immer noch schwach, der Kreislauf macht Probleme. Wegen der häuslichen Isolation kann ich ihn nicht durch Spaziergänge in Schwung bringen. Und ich höre natürlich tief in mich hinein, gerade weil ich weiß, worauf ich zu achten habe. Insgesamt geht es mir aber deutlich besser. Ich habe eine große Anteilnahme erfahren und Freunde und Familie, die sich sehr gut um mich kümmern.

          Wie hat Ihre Erkrankung begonnen?

          Ich habe vor zwei Wochen in der Nacht von Freitag auf Samstag so starke Kopfschmerzen bekommen, dass ich davon wach wurde, was sehr untypisch ist, auch für Covid. Dennoch hat mich das sehr irritiert – auch in dem Wissen, dass ich in der Woche vorher eine Risikobegegnung aufgrund eines medizinischen Notfalls auf der Station hatte. Deswegen habe ich noch stärker als sonst auf Symptome geachtet. Ich bekam dann noch in der Nacht Fieberschübe, am nächsten Tag wurde ich positiv getestet.

          Sie sind sicher, dass Sie sich im Krankenhaus angesteckt haben?

          Hundertprozentig kann ich es nicht sagen. Es gibt aber kein Cluster im privaten Umfeld, ich hatte auch kaum private Kontakte. Zu den Covid-Patienten hatte ich regelmäßig Kontakt, insofern liegt das nahe. Aber dass ich der Einzige gewesen bin, der sich auf unserer Station angesteckt hat, weist darauf hin, dass es kein systematisches Hygieneversagen gibt. Wenn, dann war es eine punktuelle, unglückliche Situation. Arbeitet man auf einer Covid-Station mit schwerkranken Patienten, kann es zu Situationen kommen, in denen der Hygienestandard und der Selbstschutz darunter leiden, dass es schnell oder sehr präzise gehen muss. Beispielsweise hält eine beschlagene Brille einen davon ab, einen präzisen Hautschnitt durchzuführen, um Flüssigkeit aus der Umgebung der Lunge abzusaugen. Dann kann man diese Brille kurz nicht nutzen. Das ist ein Beispiel, das bestimmt viele Kollegen von Covid-Stationen kennen. Wenn in dem Moment der Patient hustet, muss man danach aufpassen und sich im Zweifel testen lassen.

          Wie ging es weiter, nachdem Sie positiv getestet wurden?

          Bei meinem Krankheitsverlauf war vieles sehr untypisch. Ich bin 34 Jahre alt, bei jüngeren Menschen ohne Vorerkrankungen verläuft diese Krankheit mit großer Wahrscheinlichkeit eher milde. Aber ich habe es immer wieder gesagt: Es gibt dafür keine Garantie, der Einzelne passt nicht immer in die Statistik. Das musste ich jetzt auch erfahren. Mein Allgemeinzustand hat sich innerhalb von drei Tagen massiv verschlechtert, ich hatte hohes Fieber und Husten mit starkem Auswurf. Dann kam es zu einer Covid-Komplikation in meiner Lunge, die dazu geführt hat, dass sich mein Zustand innerhalb von wenigen Stunden so verschlechtert hat, dass ich am Montag auf die Intensivstation musste – also drei Tage nach Symptombeginn. Effektiv stand nur noch ein Lungenflügel zur Belüftung bereit. Der andere Lungenflügel war durch einen großen bakteriellen Infekt mehr oder weniger außer Gefecht gesetzt. Das war nicht das typische Bild einer Covid-Lungenerkrankung, aber Covid hat dazu geführt, dass sich eine bakterielle Superinfektion auf die Lunge draufgesetzt hat.

          Mittlerweile sind die Kliniken wieder voll mit Corona-Patienten, und das Personal kommt ans Limit: Ein Anästhesist setzt einem Patienten eine Sauerstoffmaske auf.
          Mittlerweile sind die Kliniken wieder voll mit Corona-Patienten, und das Personal kommt ans Limit: Ein Anästhesist setzt einem Patienten eine Sauerstoffmaske auf. : Bild: Imago

          Hat es die Angst vergrößert, dass Sie die Krankheit so gut kennen?

          Ich war in einem Zustand, in dem ich mir über Angst nicht mehr viele Gedanken machen konnte. Aber an der Reaktion meiner Kollegen, die mich ganz hervorragend betreut haben, war zu merken, dass es sich um einen sehr besonderen und sehr schweren Verlauf handelte, mit dem selbst auf der Intensivstation niemand gerechnet hat. Das hat viele Kollegen überrascht und schockiert – mich auch. Zum Glück hat sich eine deutliche Verbesserung gezeigt, nachdem wir mit einer starken medikamentösen Therapie begonnen haben. Und dann kam eben dazu, dass ich jung bin und keine Vorerkrankungen habe. Da kann sich die Lunge relativ schnell von so einer Entzündung erholen.

          Es ging Ihnen so schlecht, dass Sie keine Angst hatten?

          Wenn man im Krankenhaus arbeitet, kennt man das: Patienten, denen es wirklich schlecht geht, verfallen in eine Art Apathie mit starrem Blick. Man ist regungslos und emotionslos, dieses Gefühl hatte ich. Das ist eine Art Selbstschutz. Erst ein paar Tage später habe ich im Gespräch mit einer Kollegin, die sich im Nachtdienst um mich gekümmert hat, aufgearbeitet, was das tatsächlich für eine brenzlige Situation war.

          Konnten Sie denn vorher bei der Wahl der Behandlung mitsprechen?

          Klar, ich habe ja an unseren Behandlungsstandards mitgearbeitet. Solange ich in einem Zustand war, in dem man mit mir reden konnte, wurde auch über die Therapie gesprochen. Aber das war eher informativ, es gibt klare Richtlinien dafür, wann man womit behandelt wird. Es war wichtig für mich, das Gefühl zu haben, dass ich eine Art Kontrolle über meine eigene Therapie hatte.

          Wie sah die Therapie aus?

          Es war vor allem eine antibiotische Therapie gegen die bakterielle Infektion. Zusätzlich habe ich Thrombosespritzen und Remdesivir bekommen – und als sich mein Zustand verschlechtert hat auch Dexamethason. Auf der Intensivstation erhielt ich eine High-Flow-Sauerstofftherapie. Das ist eine Form der Beatmung über eine Nasenbrille, bei der mit Druck hohe Dosen an Sauerstoff verabreicht wurden, um meine Sauerstoffsättigung stabil zu halten. Ich war vier Tage auf der Intensivstation und dann noch mal vier Tage auf der Normalstation.

          Kam es vielleicht zu so einem schweren Verlauf, weil Sie besonders viele Viren abbekommen haben?

          So etwas ist grundsätzlich möglich, aber es passt nicht zu dem Verlauf, den ich hatte. Der schwere Verlauf war vor allem durch die bakterielle Infektion bedingt. Das war eine Komplikation von Covid-19, aber keine covidtypische Lungenentzündung.

          Wie ging es Ihnen, nachdem Sie zurück auf der Normalstation waren?

          Sehr hart für mich war, dass es zu dieser Zeit eine absolut kritische Situation in unserem Krankenhaus gab und auch weiter gibt. Genau als ich erkrankt bin, wurde die Station umorganisiert, weil wir einen Anstieg der Covid-Patienten-Zahl erwartet haben, zu dem es dann auch kam. Es wurden immer mehr Patienten aufgenommen, und ich konnte nur an der Seitenlinie stehen. Meine Frage bei der Visite war täglich: „Wie viele Patienten haben wir?“ Das war belastend. Covid-19 lässt sich aber nicht beschleunigen, ich musste meine Zeit im Krankenhaus absitzen, bis meine Sauerstoff-, meine Entzündungswerte und meine Körpertemperatur wieder stabil waren. Erst dann konnte ich entlassen werden. Wenn man im Krankenhaus Sauerstoff gebraucht hat, gelten vom Zeitpunkt der Entlassung an zehn Tage Isolation. Meine Isolation läuft am 4. November ab. Ich hoffe, dass ich meinen Dienst nächste Woche ohne Einschränkungen wieder antreten kann – und dass ich mit einer zumindest zeitweisen Immunität für eine Zeit eine Sorge weniger habe.

          Hat die eigene Betroffenheit Ihren Blick auf die Krankheit verändert?

          Ich wünschte, man brauchte den persönlichen Eindruck nicht. Aber es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass es den Blick noch mal schärft, wenn man wie ich einen wirklich lebensgefährlichen Verlauf durchgemacht hat. Man möchte diese Krankheit fernhalten von den Patienten, die man betreut, und den Menschen, denen man nahesteht. Es reicht mir jetzt weniger denn je aus, mich auf Statistiken über milde Verläufe zu verlassen. Auch wenn mein Verlauf eine Besonderheit war, macht ihn das nicht weniger real.

          Wie ist die Situation jetzt im Klinikum Darmstadt?

          Es wurde so viel Platz für Covid-Patienten und -Verdachtsfälle geschaffen wie noch nie. Die gesamte Station wird nur noch für positive Fälle genutzt. Am Donnerstag lagen 30 Covid-Patienten auf der Normalstation und sieben auf der Covid-Intensivstation. Eine zusätzliche Station wurde für Verdachtsfälle freigeräumt. Auch das Personal wurde weiter ausgebaut, da ist innerhalb von kürzester Zeit eine riesige Anstrengung erfolgt. Und wir kooperieren noch stärker mit kleineren Krankenhäusern und verlegen Patienten mit milderem Verlauf, damit wir uns um die komplexen Fälle kümmern können. Das ist organisatorisch eine Mammutaufgabe.

          Wie groß ist Ihre Sorge, dass die Kapazitäten an Grenzen kommen?

          Wir sind schon wieder in dem Modus, dass aufschiebbare und planbare Eingriffe teilweise verschoben werden müssen, damit wir die Akutversorgung von normalen Patienten und die Notfallversorgung von Covid-Patienten sicherstellen können. Wir laufen dem Infektionsgeschehen deutlich hinterher – und müssen uns dringend wieder etwas Luft verschaffen. Die aktuellen Infektionszahlen werden erst in zehn Tagen zu behandlungspflichtigen Fällen. Und der Altersdurchschnitt der Erkrankten steigt, das wird zu mehr schweren Verläufen führen. Diese ganze Theorie, über die wir seit Wochen und Monaten reden, kommt gerade voll in der Realität an.

          Die Politik reagiert jetzt mit massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Können Sie verstehen, dass zum Beispiel Restaurantbesitzer dafür kein Verständnis haben?

          Absolut, ich habe Verständnis für jede Diskussion von Maßnahmen. Es ist nicht meine Kernkompetenz zu beurteilen, welche die richtigen sind. Restaurants waren in den vergangenen Monaten nicht der Motor für Infektionscluster, insofern kann ich die Kritik gut verstehen. Aber eins steht fest: Wir brauchen Maßnahmen, die die Anzahl der stationären Aufnahmen verringern. Sonst wird das ein sehr unangenehmer Winter. Insofern ist es gut, dass die Politik entschlossen reagiert.

          Gibt es etwas, das Ihnen mit Blick auf die Pandemie Hoffnung macht?

          Die aufopferungsvolle Arbeit des Klinikpersonals. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, mit welcher Motivation sich meine Kolleginnen und Kollegen ihrer Arbeit widmen. Das gibt mir Hoffnung, weil ich weiß, dass diese Menschen mit all ihrer Kraft da sind, wenn es wirklich brennt. Sie werden uns vor dem Schlimmsten bewahren. Das sollte keine Ressource sein, auf die sich Politik und Gesellschaft bis ins Unendliche verlassen. Aber ich bin froh, in einem Bereich zu arbeiten, in dem so viele Menschen diese Einstellung haben.

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