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Lungenarzt über Covid :  „Wer nicht geimpft ist, bereut es“

Wie sehr wird Long Covid in Zukunft das Gesundheitssystem belasten? Cihan Çelik, im Klinikum Darmstadt Bild: Frank Röth

Der Covid-Bereich im Klinikum Darmstadt ist wieder vergrößert worden. Lungenarzt Cihan Çelik spricht im Interview über ungeimpfte Patienten in der Klinik, den kommenden Herbst und die Frage: Wie viele Tote dürfen wir zulassen?

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          Herr Doktor Çelik, wir sprechen regelmäßig über Ihre Arbeit als Oberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt. Wie ist die Lage?

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Wir nehmen wie erwartet wieder mehr Patienten mit schweren Verläufen auf und haben diese Woche unseren Covid-Bereich vergrößert. Vorher gab es eine Phase, in der sich Aufnahmen und Entlassungen auf niedrigem Niveau die Waage gehalten haben. Das war für uns ein kleiner Vorgeschmack darauf, wie die Arbeit auf dieser Station in der endemischen Phase in Zukunft aussehen kann. Aber jetzt merkt man, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist. Wie erwartet sind die Patienten jetzt sehr viel jünger, der Altersschnitt unserer Patienten liegt im August bisher bei knapp über 40. Das ist ein Riesenunterschied zu einem Altersschnitt von über 70 in den ersten beiden Wellen. Es fällt auch auf, dass sich die soziale Asymmetrie weiter verschärft; anteilig haben noch mehr Patienten auf der Station einen niedrigen sozioökonomischen Status, soweit sich das im Gespräch anhand von Wohnsituation, Lebensumständen, Beruf und auch Sprachkenntnissen erfassen lässt. Zur höheren Gefährdung durch Covid-19 an sich kommt bei diesen Menschen jetzt auch noch eine niedrigere Impfquote. Was man ganz klar sieht: Etwa 80 Prozent der Patienten, die im August zu uns kamen, waren ungeimpft.

          Warum?

          In den meisten Fällen waren es keine Impfgegner aus Prinzip. Man hört eher Sachen wie: „Ich bin organisatorisch noch nicht dazu gekommen“; „ich bin nur zu Hause“; „ich habe gedacht, mit einem guten Immunsystem bin ich geschützt“. Vielen Menschen lagen nicht die richtigen Informationen vor, um Risiko und Nutzen einschätzen zu können. Natürlich ist das eine selektive Wahrnehmung von einer Covid-Station, auf der derzeit vor allem die Ungeimpften mit schweren Symptomen landen. Aber die Menschen, die ich hier betreut habe, bereuen es bisher alle, dass sie nicht geimpft waren. Das gilt auch für Patienten, die zuvor nicht an das Virus geglaubt haben oder Impfgegner waren.

          Sind Gespräche darüber angespannt?

          Wir fragen beim Aufnahmegespräch den Impfstatus ab; das ist unter anderem wichtig für die Prognose, wie schwer die Krankheit verlaufen könnte. Dabei merken wir, dass das eine aufgeladene Frage geworden ist – spätestens, wenn ich nach den Gründen frage. Ungeimpften Patienten ist die Frage danach oftmals unangenehm. Ich will damit aber niemanden an den Pranger stellen. Es ist wichtig für uns, zu verstehen, warum die Impfkampagne stockt und welche Sorgen die Menschen dazu haben. Aber niemand muss sich hier rechtfertigen. Die Patienten sind Tage oder sogar Wochen bei uns, da braucht es ein Vertrauensverhältnis und keine Tadelung bei Visite. Leider hat sich die Diskussion um Impfstoffe auf andere Medikamente ausgeweitet; neuerdings müssen wir mit Angehörigen von Covid-Kranken dar­über diskutieren, welche Langzeitnebenwirkungen ein potentiell lebensrettendes Akutmedikament haben könnte. Es wird nicht verstanden, dass eine Therapie immer dann empfohlen wird, wenn der Nutzen das Risiko deutlich überwiegt. Bei einem lebensgefährlichen Verlauf kommen daher auch Medikamente mit mehr möglichen Neben­wirkungen zum Einsatz. Diskussionen darüber sind neu und können uns bei der Behandlung einschränken.

          Landen jüngere Patienten auch auf der Intensivstation?

          Wir haben im August etwa 30 Patienten versorgt, und es gibt tatsächlich einen kleinen Vorteil in dieser Phase: Die Krankheitslast insgesamt auf der Station ist zurückgegangen. Aber das ist nur ein zweifelhafter Erfolg, weil die Patienten eben deutlich jünger sind. Es sind auch 20- bis 30-Jährige mit schweren Symptomen bei uns, was zuvor sehr selten vorkam. Aber ja: Wir müssen weniger Patienten auf die Intensivstation verlegen, wir haben viel weniger Todesfälle, und die Patienten sprechen besser auf unsere Behandlungsmethoden an. Die Behandlung wird einfacher und dankbarer. Aber das steht und fällt damit, wie viele Patienten es werden. Aktuell kommen wir gut zurecht.

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