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Lungenarzt über Covid :  „Wer nicht geimpft ist, bereut es“

In Hinblick auf Corona-Maßnahmen wird vor allem über die Intensiv­betten gesprochen. Müsste man im Herbst nicht eher auf die Belegung der Normalstationen blicken?

Ganz richtig. Es darf nicht vergessen werden, dass die Fokussierung auf die Intensivkapazitäten und auf die Todesfälle aus einer Phase stammt, in der die meisten Patienten älter waren. Konzen­triert man sich weiterhin nur auf diese Parameter, blendet man die ganzen schweren Verläufe unter jüngeren Patienten auf der Normalstation aus. Davor kann ich nur warnen. Denn diese Patienten sind auch schwer erkrankt, und sie dürfen nicht vergessen werden, wenn man den Stand der Pandemie im Land darstellen möchte. Und auch die Kapazitäten von Covid-Normal­stationen sind begrenzt, da sie immer zulasten anderer Bereiche erweitert ­werden müssen.

Bleibt die Inzidenz für Sie wichtig?

Zur Steuerung der Corona-Maßnahmen wird sie eine immer kleinere Rolle spielen. Aber als Frühparameter für unsere Planung bleibt sie wichtig. Wir können nicht mit der Hospitalisierungsrate planen – dann sind die Patienten ja schon da. Aber als Gesellschaft brauchen wir einen Plan für die Zeit, in der die Pandemie zu einer Endemie wird. Die Hospitalisierungsrate wird dann der wichtigste Wert werden, um die Krankheitslast durch Covid-19 zu erfassen. Das ist ein Wert mit direkter Bedeutung für Patient und Gesundheitssystem und erfasst im Gegensatz zur Inzidenz nicht die sicherlich noch steigende Zahl an Infektionen von Geimpften und Genesenen, wenn diese sehr leicht verlaufen. An den Werten Hospitalisierungsrate, Intensivquote und Todesrate lässt sich nicht rütteln – wenn die ungebremst nach oben schießen, muss mit entsprechenden Maßnahmen reagiert werden. Ich bin kein Epidemiologe, aber ich halte das für ein Vorgehen, das in der endemischen Phase gut funktionieren würde. Die Inzidenz wird da nicht mehr viel aussagen. Wenn viele geimpfte Menschen einen Infekt der oberen Atemwege durch Covid haben, führt das nicht zu einer Überbeanspruchung des Gesundheitssystems. Noch nicht klar ist allerdings, welche Rolle der Kampf gegen Long Covid langfristig spielen wird – und wie viele Geimpfte darunter leiden. Auch neue Mutationen können wieder einiges ändern.

In einer Endemie wird sich die Gesellschaft irgendwann mit einer bestimmten Zahl von Covid-Toten abfinden müssen. Wo wird die liegen?

Das weiß ich nicht, aber das wird eine ernste gesellschaftliche Diskussion. Die Zahl der Corona-Toten, die man hinnimmt, wird sich wahrscheinlich an der Influenza orientieren. Ich glaube aber, auch die Zahl der Grippetoten, die wir jährlich in Kauf nehmen, müssen wir noch mal neu überdenken. Meiner Meinung nach war es nie richtig, jedes Jahr Tausende Grippetote zu akzeptieren. Gerade die Lungenärzte haben seit Jahren dazu aufgerufen, dass sich mehr Menschen mit Risikofaktoren gegen Influenza impfen lassen.

Der Anstieg der Inzidenz in Darmstadt ist laut der Stadt „ganz klar auf zum großen Teil ungeimpfte Reiserückkehrer im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, insbesondere aus der Türkei“ zurückzuführen. Sollte man das so klar sagen?

Wenn die Stadt diese Zahlen ermittelt hat, muss sie das auch so klar kommunizieren. Das hat ja potentielle Konsequenzen für den Infektionsschutz. Hier auf der Station liegen auch Reiserückkehrer, aber es ist nicht die Hauptfraktion. Der Großteil war nicht kürzlich im Ausland und weiß nicht, wo er sich angesteckt hat. Für den Anstieg der Hospitalisierungen ist diese Gruppe also zur Zeit noch nicht verantwortlich. 

Liegen bei Ihnen durchgeimpfte Patienten?

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