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Arzt über Covid-19-Station : „Wir müssen langsam ans Expandieren denken“

Dr. Cihan Çelik und seine Kollegen behandeln Covid-19-Patienten in Darmstadt Bild: privat

Die Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt ist wieder so organisiert wie im April. Funktionsoberarzt Cihan Çelik über seine Erwartungen für den Herbst, Patienten mit Migrationshintergrund und eine Nachricht, vor der er Angst hatte.

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          Herr Doktor Çelik, wir sprechen regelmäßig über Ihre Arbeit als Funktionsoberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt. Zuletzt haben wir Mitte Juni geredet, als Sie gerade den bis dahin letzten Covid-19-Patienten entlassen hatten. Wie ist jetzt die Lage?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          In den vergangenen drei Wochen ist es zu einem Anstieg der Zahl der positiv getesteten Patienten gekommen. Die Isolierstation ist wieder komplett für Covid-19-Patienten und Verdachtsfälle reserviert, wir sind jetzt wieder so organisiert wie im April und Mai. Im Sommer wurde lange kaum jemand positiv getestet. Jetzt hatten wir in der Spitze schon wieder neun positiv getestete Patienten auf der Station. Bei dieser Zahl müssen wir langsam ans Expandieren denken, sonst werden wir irgendwann handlungsunfähig.

          Besteht die Gefahr, dass bald wieder das ganze Leben im Krankenhaus beeinträchtigt wird?

          Darüber haben wir uns intensiv Gedanken gemacht. Wir wollen maximale Sicherheit für Patienten und Mitarbeiter – und gleichzeitig verantwortungsbewusst mit unseren Ressourcen umgehen. Deshalb haben wir seit dieser Woche die Testkriterien für stationäre Patienten auf Sars-CoV-2 nochmals verschärft. So wollen wir verhindern, dass ein Patient als „U-Boot“ ohne Symptome unerkannt auf einer Station liegt und das Virus verbreitet. Sobald es einen konkreten Verdacht gibt, kommt ein Patient auf die Covid-Station – das gibt den anderen Stationen Sicherheit. Für das Personal gibt es gleichzeitig sehr niedrigschwellige Testkriterien. So können wir den Regelbetrieb gewährleisten. Wenn das Krankenhaus ein Motor wäre, würde der jetzt wieder im gewohnten Drehzahlbereich laufen. 

          Haben Sie mit Blick auf den Herbst also keine Sorgen?

          Der Herbst stellt uns als Lungenstation immer vor größere Herausforderungen, da häufen sich die regulären Atemwegsinfekte auch ohne Covid-19. Ich möchte keinen Alarmismus betreiben. Aber ich weiß, dass dieser Herbst für uns sehr anstrengend werden wird. Dementsprechend großzügig sind unsere Dienstpläne.

          Was halten Sie von dem Begriff der zweiten Welle?

          Ich finde ihn nicht treffend. Eine Welle spült alles weg. Aber so ist das nicht. Wir haben hart arbeitende Menschen in der Politik, in Gesundheitsämtern und Krankenhäusern, die sich dieser Krankheit entgegenstellen. Wir werden nicht weggespült.

          Was hat sich seit dem Frühjahr verändert?

          Wir sind selbstsicherer im Umgang mit der Erkrankung. Erstens wissen wir, wie wir uns vor einer Ansteckung schützen können. In unserem Team der Isolierstation wurde noch niemand positiv getestet. Dementsprechend verfolgen wir die Diskussion über die Sinnhaftigkeit von Masken mit Kopfschütteln. Zweitens können wir die Patienten besser behandeln und besser abschätzen, wie die Krankheit wahrscheinlich verlaufen wird. Wir haben mit Dexamethason ein Medikament, das dabei hilft, dass Verläufe nicht mehr so schwer sind und sich die Patienten schneller erholen. Das ist ein Kortison-Präparat, das ein Überschießen des Immunsystems verhindert, was bei vielen Covid-Patienten zu gefährlichen Situationen geführt hat. Mit dem Medikament haben wir gute Erfahrungen gemacht, wenn es bei den richtigen Patienten zum Einsatz kommt.

          Gibt es konkrete Punkte, die bei der Behandlung anders gemacht werden?

          Seit Mai haben sich die Grundsätze der Behandlung nicht mehr groß verändert. Die größte Veränderung war vorher, dass man Patienten nicht mehr so früh intubiert hat, weil sich das im Verlauf oft nachteilig ausgewirkt hat. Da sind wir mittlerweile sehr zurückhaltend. Dafür haben wir die anderen Organsysteme, die von der Erkrankung betroffen sind, stärker im Blick. Und wir behandeln sehr früh mögliche bakterielle Infekte, die sich auf die virale Entzündung draufsetzen.

          Was für Patienten liegen aktuell bei Ihnen?

          Seitdem es hier wieder losgeht, haben alle neuen Patienten einen Migrationshintergrund. Ich spreche das an, weil es mir Sorgen bereitet. Es könnte zu Mythen, Missverständnissen und Vorurteilen führen, wenn man dem nicht frühzeitig entgegentritt. Es gibt überhaupt keine Anhaltspunkte dafür, dass bestimmte Ethnien biologisch anfälliger für die Krankheit wären. In der Menschheitsgeschichte gibt es leider viele Beispiele dafür, dass Krankheiten zu einer Stigmatisierung von Minderheiten geführt haben, man denke nur an HIV oder Tuberkulose. Im Moment fühlt sich von Covid-19 noch so ziemlich jeder auf der Welt bedroht. Aber wenn die Krankheit irgendwann vor allem unter Minderheiten wütet, habe ich die Sorge, dass auch diese Krankheit ein Stigma werden könnte. 

          Und was glauben Sie, woran es liegt, dass so viele Migranten betroffen sind?

          Ich rede viel mit meinen Patienten. Und außer dem Migrationshintergrund haben viele eins gemeinsam: dass sie aus sozioökonomisch schwachen Verhältnissen kommen. Da ist der Migrationshintergrund eben nur das offensichtliche Merkmal, die dahinter liegende Lebensrealität ist leider allzu oft sehr ähnlich. Die wenigsten sind Reiserückkehrer, die meisten haben sich angesteckt, weil sie in prekären Verhältnissen arbeiten oder wohnen. Die Sprache ist außerdem ein großes Problem: Viele sind nicht auf dem Laufenden, was den Rat der Behörden angeht. Es gibt ein Informationsdefizit. Oft kommen die Patienten außerdem aus kleinen Wohnungen, in denen viele Menschen zusammenwohnen. Selbst bei leichten Verläufen können wir die nicht nach Hause schicken. Um diese sowieso schon benachteiligten Leute müssen wir uns als Gesellschaft besser kümmern.

          Haben Sie noch Kontakt zu Covid-19-Patienten, die Sie im Frühjahr behandelt haben?

          Ja. Viele beschreiben ein anhaltendes, deutliches Abfallen der Leistungsfähigkeit. Das betrifft jüngere und ältere Patienten gleichermaßen. Es ist aber immer noch zu früh, um abschätzen zu können, wie langanhaltend diese Spätfolgen sind. Auch eine normale schwere Lungenentzündung kann einen Betroffenen mehrere Monate einschränken. Was mir Sorge bereitet, ist die erste bestätigte Re-Infektion von einem Patienten viereinhalb Monate nach der ersten Erkrankung. Das ist eine Nachricht, vor der wir Angst hatten. Es ist erst mal ein Einzelfall, aber ein weiteres Zeichen dafür, dass die Immunität nach einer Erkrankung doch nicht so lange anhält. Das hätte große Auswirkungen auf unsere Arbeit. Die Pandemie hätte eine ganz andere Dynamik, wenn auch durch Impfung und Durchseuchung keine Herdenimmunität erreichbar wäre.

          Konnten Sie und Ihr Team sich in den vergangenen Wochen etwas erholen?

          Definitiv. Die meisten Kollegen hatten ihre Urlaubskonten vor dem Sommer noch überhaupt nicht angetastet. Jetzt konnten wir die Akkus wieder etwas aufladen. Die Kraft werden wir im Herbst brauchen.

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