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Arzt über Covid-19-Station : „Wir müssen langsam ans Expandieren denken“

Seit Mai haben sich die Grundsätze der Behandlung nicht mehr groß verändert. Die größte Veränderung war vorher, dass man Patienten nicht mehr so früh intubiert hat, weil sich das im Verlauf oft nachteilig ausgewirkt hat. Da sind wir mittlerweile sehr zurückhaltend. Dafür haben wir die anderen Organsysteme, die von der Erkrankung betroffen sind, stärker im Blick. Und wir behandeln sehr früh mögliche bakterielle Infekte, die sich auf die virale Entzündung draufsetzen.

Was für Patienten liegen aktuell bei Ihnen?

Seitdem es hier wieder losgeht, haben alle neuen Patienten einen Migrationshintergrund. Ich spreche das an, weil es mir Sorgen bereitet. Es könnte zu Mythen, Missverständnissen und Vorurteilen führen, wenn man dem nicht frühzeitig entgegentritt. Es gibt überhaupt keine Anhaltspunkte dafür, dass bestimmte Ethnien biologisch anfälliger für die Krankheit wären. In der Menschheitsgeschichte gibt es leider viele Beispiele dafür, dass Krankheiten zu einer Stigmatisierung von Minderheiten geführt haben, man denke nur an HIV oder Tuberkulose. Im Moment fühlt sich von Covid-19 noch so ziemlich jeder auf der Welt bedroht. Aber wenn die Krankheit irgendwann vor allem unter Minderheiten wütet, habe ich die Sorge, dass auch diese Krankheit ein Stigma werden könnte. 

Und was glauben Sie, woran es liegt, dass so viele Migranten betroffen sind?

Ich rede viel mit meinen Patienten. Und außer dem Migrationshintergrund haben viele eins gemeinsam: dass sie aus sozioökonomisch schwachen Verhältnissen kommen. Da ist der Migrationshintergrund eben nur das offensichtliche Merkmal, die dahinter liegende Lebensrealität ist leider allzu oft sehr ähnlich. Die wenigsten sind Reiserückkehrer, die meisten haben sich angesteckt, weil sie in prekären Verhältnissen arbeiten oder wohnen. Die Sprache ist außerdem ein großes Problem: Viele sind nicht auf dem Laufenden, was den Rat der Behörden angeht. Es gibt ein Informationsdefizit. Oft kommen die Patienten außerdem aus kleinen Wohnungen, in denen viele Menschen zusammenwohnen. Selbst bei leichten Verläufen können wir die nicht nach Hause schicken. Um diese sowieso schon benachteiligten Leute müssen wir uns als Gesellschaft besser kümmern.

Haben Sie noch Kontakt zu Covid-19-Patienten, die Sie im Frühjahr behandelt haben?

Ja. Viele beschreiben ein anhaltendes, deutliches Abfallen der Leistungsfähigkeit. Das betrifft jüngere und ältere Patienten gleichermaßen. Es ist aber immer noch zu früh, um abschätzen zu können, wie langanhaltend diese Spätfolgen sind. Auch eine normale schwere Lungenentzündung kann einen Betroffenen mehrere Monate einschränken. Was mir Sorge bereitet, ist die erste bestätigte Re-Infektion von einem Patienten viereinhalb Monate nach der ersten Erkrankung. Das ist eine Nachricht, vor der wir Angst hatten. Es ist erst mal ein Einzelfall, aber ein weiteres Zeichen dafür, dass die Immunität nach einer Erkrankung doch nicht so lange anhält. Das hätte große Auswirkungen auf unsere Arbeit. Die Pandemie hätte eine ganz andere Dynamik, wenn auch durch Impfung und Durchseuchung keine Herdenimmunität erreichbar wäre.

Konnten Sie und Ihr Team sich in den vergangenen Wochen etwas erholen?

Definitiv. Die meisten Kollegen hatten ihre Urlaubskonten vor dem Sommer noch überhaupt nicht angetastet. Jetzt konnten wir die Akkus wieder etwas aufladen. Die Kraft werden wir im Herbst brauchen.

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