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Arzt im Interview : „Jeder Covid-19-Patient ist ein Risikopatient“

Viele Corona-Patienten mit leichten Symptomen haben sich zu Hause auskuriert. Ist das nicht eine gefährliche Strategie, wenn man die geringe Sauerstoffsättigung im Blut und eventuelle Durchblutungsstörungen selbst kaum bemerkt?

Das Tückische an Covid-19 ist sicherlich, dass grade zu Beginn jeder nur sehr milde Symptome hat. Dass es in Deutschland aber zu einer erhöhten Mortalität kam, weil viele sich zu Hause auskuriert haben, bezweifle ich. Wir haben ein sehr engmaschiges medizinisches System und jeder Patient kann bei Problemen schnell ins Krankenhaus kommen. Wir haben hier alle Fälle sehr ernst genommen, auch milde Verläufe – vor allem wegen der Problematik mit der Sauerstoffsättigung im Blut.

Manche Menschen in Deutschland haben sich Pulsoxymeter bestellt, um zu Hause am Finger die Sauerstoffsättigung zu messen. Ergibt das Sinn?

Da gibt es viele Störgrößen, angefangen von der Farbe des Nagellacks, den man vielleicht benutzt, bis zum Zielwert, der nicht bei allen Patienten gleich ist. Für jeden Wert braucht es jemanden, der ihn richtig interpretieren kann. Deswegen empfehle ich das nicht.

Covid-19-Patienten, die aus dem Krankenhaus entlassen worden sind, klagen oft noch sehr lange über Erschöpfung. Ist das eine Besonderheit bei dieser Krankheit?

Mit jedem Tag, den man im Krankenhaus verbringt, verliert man Kondition, Muskelmasse und Belastbarkeit – besonders auf der Intensivstation. Das muss man sich wieder erarbeiten, das ist erst mal normal. Auch die Lunge braucht immer Zeit, um sich von einer Entzündung zu erholen. Es kann zwei Monate dauern, bis sie wieder genauso belüftet wird wie vorher. Bei Patienten mit überstandener Covid-19-Erkrankung haben Lungenfunktionstests gezeigt, dass das Lungenvolumen reduziert war. Es passt weniger Luft in die Lunge hinein als vorher. Außerdem kann der Sauerstoff nicht mehr so leicht ins Blut übergehen. Das sind aber noch sehr kleine Datenmengen, die sich auf einen relativ kurzen Zeitraum nach der Erkrankung beziehen. Man wird erst im Laufe der Zeit sehen, ob funktionell etwas übrig bleibt von diesen Störungen. Kurzfristig sind diese Erschöpfungssymptome erklärbar. Die entscheidende Frage ist: Wie ist es langfristig?

Was hat sich im Krankenhaus verändert im Umgang mit der Krankheit?

Mittlerweile vertrauen wir nicht mehr so sehr wie am Anfang auf diagnostizierte Vorerkrankungen. Wir haben eindeutig die Erfahrung gemacht, dass jeder Mensch an Covid-19 erkranken kann. Das mag eine selektive Wahrnehmung sein, statistisch gesehen sind eher Männer als Frauen, eher Ältere als Jüngere, und eher Menschen mit Vorerkrankungen als ohne von schweren Verläufen betroffen. Aber wir haben hier junge, alte, vorerkrankte und nicht vorerkrankte Patienten gesehen, teilweise mit schweren Verläufen. Die Einstellung hat sich deswegen etwas verändert. Wir schauen nicht nur besonders genau nach den Patienten, die vorerkrankt sind. Sondern wir sehen jeden Patienten, der Covid-19 hat, als Risikopatienten. 

Wie geht es Ihnen persönlich in dieser Phase der Pandemie jetzt?

Ich habe das Gefühl, dass wir etwas Großes geschafft haben, in der Klinik und in der Bevölkerung. Für unser Team ist es jetzt an der Zeit, durchzuschnaufen und zur Ruhe zu kommen. Ich habe das erste Mal seit langem wieder ein paar Tage frei. Von großen Menschengruppen halte ich mich aber weiter zurück – ohne zu behaupten, dass das jeder so machen muss. Ich habe viele Kontakte im Krankenhaus, bleibe vorsichtig und auch auf Distanz zu meinen Eltern. Aber andere können sich da gemäß der Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts sicher wieder etwas mehr erlauben. Was mir noch wichtig ist, weil ich es täglich im Krankenhaus erlebe: Dass die Arbeit der Frauen mal besonders gewürdigt wird. Die meiste Arbeit in den Kliniken erledigt die weibliche Belegschaft. Sie haben diese Krise geschultert. Aber die Experten in der Öffentlichkeit sind fast immer männlich.

Vielen Dank, Herr Doktor Çelik. Wir hören uns in zwei Wochen – oder spätestens, wenn es auf Ihrer Station wieder voller werden sollte.

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