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Mediziner im Interview : „Wir ringen mit dem Kontrollverlust“

Cihan Çelik und seine Kollegen behandeln Covid-19-Patienten in Darmstadt. Bild: privat

Der Darmstädter Mediziner Cihan Çelik spricht im Interview über die Lage auf der Covid-19-Station, die Suche nach einem Covid-Medikament und darüber, warum er die aktuellen Weihnachtsregeln für nicht vertretbar hält.

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          Herr Doktor Çelik, wir sprechen regelmäßig über Ihre Arbeit als Funktionsoberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt. Wie ist die Lage?

          Johanna Dürrholz
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Aktuell ringen wir mit dem Kontrollverlust. Wir sind bei mehr als 40 Covid-Patienten auf den nun drei Covid-Überwachungs- und Normalstationen; hinzu kommen noch 13 Patienten auf unseren zwei Covid-Intensivstationen. Es ist eine extrem dynamische Situation. Konkret bedeutet das: Wir haben täglich mehr Patienten, müssen den Covid-Bereich immer weiter vergrößern und zusätzlich Platz für Patienten mit Covid-19-Verdacht schaffen. Der organisatorische Aufwand ist sehr groß. Zudem fällt Personal aus, weil es mit Covid-Patienten Kontakt hatte und Erkältungssysmptome auftreten. Der Kontrollverlust droht, wenn uns die Ressourcen ausgehen.

          Heißt das, Ihnen fehlt Personal?

          Die Ressourcen sind personell knapp und räumlich ebenfalls. Wir können Patienten nicht mehr in weniger betroffene Gebiete in Hessen verlegen. Diese Option ist weggefallen, weil sich die Fallzahlen regional angeglichen haben. Alle haben momentan dasselbe Problem. Es geht daher gerade nicht anders, als dass wir andere Eingriffe und Untersuchungen verschieben.

          Was wird genau verschoben?

          Mittlerweile sind wir so weit, dass alles, was planbar ist oder verschoben werden kann, im Klinikum Darmstadt auch verschoben wird. Das bedeutet, dass wir eine gewisse Bugwelle an Patienten und Eingriffen vor uns herschieben. Das ist keine gewollte oder politische Entscheidung, das ist das Virus, das uns aktuell dazu zwingt. Wir können nur versuchen, dass wir diesen Zeitraum so klein wie möglich halten. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass ein Ruf nach mehr Ressourcen für die Covid-Versorgung bedeutet, dass andere Abteilungen zurückstecken und die Patienten dort länger auf ihre Eingriffe warten müssen. Deswegen bin ich eigentlich sehr zurückhaltend damit. Aber aktuell sind wir so weit, dass es einfach nicht mehr anders geht.

          Am Freitag gab es in Deutschland den traurigen Höchststand von 598 Toten binnen eines Tages. Verlieren Sie auch Patienten?

          Ja, wir haben viele schwere Verläufe, und wir verlieren auch Patienten. Wir haben uns von der leicht abflachenden Kurve an Neuinfektionen nicht täuschen lassen. Wir wussten ja, dass der Anteil der Patienten über sechzig steigt. Wenn man sich auf unseren Stationen umsieht, erkennt man, dass viele ältere Menschen und auch Menschen aus Pflegeheimen betroffen sind. Es ist ähnlich wie im Frühjahr, nur sind es deutlich mehr. Jeder Kollege, der auf einer Covid-Station arbeitet, weiß, dass es dort einfach sehr viel öfter zu Todesfällen kommt als im regulären Stationsbetrieb. Das hat natürlich viel mit der Erkrankung, aber auch etwas mit der Isolationspflicht zu tun. Die Patienten müssen bis zum Ende in der Klinik sein. Ein Versterben zu Hause im Beisein der Familie ist keine Option.

          Viele Menschen berichten, dass sie ihre Angehörigen vor deren Covid-Tod nicht mehr sehen konnten. Wie ist das bei Ihnen geregelt?

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