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Cihan Çelik im Interview : „Die abflachende Neuinfektionskurve trügt“

Dr. med. Cihan Çelik und seine Kollegen behandeln Covid-19-Patienten in Darmstadt. Bild: Privat

Cihan Çelik behandelt nach überstandener Covid-Erkrankung wieder Corona-Patienten im Krankenhaus. Im Interview sagt er, wie es ihm geht, warum die Last der Verantwortung für ihn größer geworden ist – und was er von der Bevölkerung erwartet.

          6 Min.

          Herr Doktor Çelik, wir sprechen regelmäßig über Ihre Arbeit als Funktionsoberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt. Vor drei Wochen haben Sie uns von Ihrer eigenen Covid-Erkrankung berichtet. Wie ist es Ihnen seitdem ergangen?

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus musste ich mich noch zehn Tage zu Hause isolieren. Das war eine anstrengende Zeit auf beengtem Raum, ich war noch geschwächt von meinem Aufenthalt auf der Intensivstation. Es war schwierig, den Kreislauf in Gang zu bringen. Nachdem die Isolation beendet war, hatte ich ein paar Tage Zeit für ein schonendes Fitnessprogramm und lange Spaziergänge. Die größten Beschwerden waren da schon weg. In der Woche darauf konnte ich wieder arbeiten. Ich habe aber immer noch kleinere Beschwerden, Schmerzen an den Rippen beispielsweise. Ich hatte sehr schwere Hustenanfälle und es dauert lange, bis eine Rippenprellung nicht mehr schmerzt. Im Großen und Ganzen geht es mir gut. Demnächst werde ich meine Lunge noch mal röntgen lassen, um sicher zu sein, dass es keine Überbleibsel von der Lungenentzündung gibt.

          Sie hatten bedingt durch Covid-19 eine bakterielle Superinfektion in der Lunge. Wie kommt es zu so etwas?

          Der Nachweis des dafür verantwortlichen Keims gelingt nur selten, das hat auch bei mir nicht geklappt. Wenn umgehend eine antibiotische Therapie eingeleitet wird, kann man den Keim meistens nicht mehr nachweisen. In den meisten Fällen ist das aber kein Bakterium, das man sich zusätzlich einfängt. Bei einer Covid-Erkrankung ist das ganze Immunsystem stark geschwächt, deshalb ist man anfälliger für Infektionen durch andere Erreger. Zusätzlich ist die Immunabwehr lokal in der Lunge geschwächt. Sogenannte opportunistische Keime, die wir immer mit uns herumtragen, können sich in der Lunge dann breit machen. So eine opportunistische bakterielle Entzündung war es wahrscheinlich bei mir. Das ist eine häufige Komplikation, die normalerweise aber erst später im Verlauf von Covid-19 auftritt. Das Prinzip kennen viele Menschen von Infekten der oberen Atemwege: Eine Erkältung ist oft durch ein Virus verursacht, wenn sich da anschließend ein bakterieller Infekt draufsetzt, verschreibt der Arzt ein Antibiotikum.

          Wurde das Hygienekonzept in der Klinik nach Ihrer Erkrankung überarbeitet?

          Das Hygienekonzept steht. Wir sind aber alle noch vorsichtiger geworden. Die Kollegen sind noch mehr sensibilisiert, dass sie untereinander Abstände einhalten und getrennte Pausenzeiten haben und bei Besprechungen nicht zu viele Menschen zusammenkommen. Arbeitet man viel miteinander, hat man irgendwann das Gefühl, ein Haushalt zu sein. Wir sind da mittlerweile sehr vorsichtig, weil es auch zu mehr Infektionen bei Pflegern und Ärzten kommt, oft natürlich auch im Privatleben. Das lässt sich bei so hohen Infektionszahlen nicht vermeiden, stellt uns aber vor zusätzliche Herausforderungen.

          Sie sind jetzt wahrscheinlich immun. Können Sie entspannter arbeiten?

          Ich verhalte mich genau wie alle anderen auch. Ich müsste Antikörper haben, habe mich aber noch nicht darauf testen lassen. Außerdem möchten wir keine Zweiklassengesellschaft aus Immunen und Nicht-Immunen. Das gilt draußen und im Krankenhaus.

          Wie war die Situation in der Klinik, als Sie zurück zur Arbeit kamen?

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