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Chinesische Ärztin : „Die Corona-Schnelltests sind unzuverlässig“

In Sevilla werden Coronavirus-Tests durchgeführt. 50 bis 70 Prozent der Infizierten bleiben durch einen einmaligen jedoch Schnelltest unentdeckt. Bild: dpa

Die chinesische Medizinerin Hui He-Gehr ist praktizierende Ärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie in einem deutschen Krankenhaus. Sie hat sich ob ihrer Herkunft sehr früh mit dem Coronavirus beschäftigt – und staunt über Deutschland.

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          Sie arbeiten als chinesische Ärztin in Deutschland und haben seit dem Covid-19-Ausbruch zu Jahresbeginn in Wuhan die chinesischsprachigen Fachmedien hierzu verfolgt. Sind Sie über die aktuelle Pandemie in Europa überrascht?

          Ja, ich hätte nicht gedacht, dass die hiesige Politik durch fehlende eigene Vorbereitung diese globale Pandemie überhaupt erst ermöglicht hat. Mit echten, frühzeitigen Schutz- und Quarantänemaßnahmen wäre das alles nicht passiert.

          Können Sie uns etwas zu den in China erforschten Krankheitsbildern zu Covid-19 sagen? Wie gefährlich ist das Coronavirus denn nun wirklich?

          Das Virus nistet sich vor allem in den unteren Atemwegen ein, weshalb die Lungen relativ früh betroffen sind. Es greift zudem andere Organe wie beispielsweise die Gefäße, den Magen-Darm-Trakt oder die Hoden an. Letzteres kann zu Infertilität führen. Zu den möglichen Folgeerkrankungen beziehungsweise bleibenden Organschädigungen gibt es bisher keine ausreichenden Studienergebnisse. Die Daten aus China haben gezeigt, dass im Vergleich zu Sars vor 17 Jahren Covid-19 weniger mortal ist. Allerdings verbreitet es sich schneller und verdeckter wegen einer mit rund 14 Tagen relativ langen Inkubationszeit, innerhalb der man bereits andere infizieren kann, ohne eigene Symptome zu zeigen. Zu beachten ist auch, dass milde Symptome sich schnell verschlechtern könnten, und die Sterblichkeit von Covid-19 auf der Intensivstation laut Studien aus Wuhan bis zu 67 Prozent beträgt.

          Die aus China stammende Ärztin Hui He-Gehr arbeitet in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie in einem deutschen Krankenhaus.
          Die aus China stammende Ärztin Hui He-Gehr arbeitet in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie in einem deutschen Krankenhaus. : Bild: Hui He-Gehr

          Gibt es in China schon Erkenntnisse, inwieweit Infizierte gegen Covid-19 – solange es noch keinen Impfstoff gibt – überhaupt immun werden?

          Die bisherigen Daten zeigen keine sichere effektive Immunität. Eine Studie aus der Provinz Guangdong zeigt eine Rückfallquote von 14 Prozent, eine andere aus Wuhan gar 60 Prozent bei Patienten, die nach längerem Krankenhausaufenthalt und zweifacher PCR-Testung sowie CT-Kontrolle als „geheilt“ zunächst entlassen wurden.

          Die Schnelltests zu Covid-19 haben sich in China als äußerst unzuverlässige Diagnosemöglichkeit herausgestellt. Gibt es eine bessere Diagnosemöglichkeit?

          Die Tests sind in der Tat unzuverlässig, da der Standardtest (RT-PCR) eine Sensitivität von nur 30 bis 50 Prozent aufzeigt. Sprich, 50 bis 70 Prozent der infizierten Patienten bleiben durch den Test unentdeckt. Am besten erscheint eine Kombination aus mehrfach durchgeführten Tests und der Heranziehung von CT-Bildern, die eine Lungenschädigung meist früher als die Tests bestätigen.

          Welche Schutzmaßnahmen müssten getroffen werden, um die Pandemie zu stoppen, aber gleichzeitig eine Wirtschaftskrise zu vermeiden?

          Neben den üblichen hygienischen Maßnahmen wie Hände waschen und Desinfizierung ist der Mundschutz eine effektive und effiziente Methode. Das Virus wird vor allem über Tröpfchen übertragen. Ein Mundschutz schützt zwar nicht ausreichend vor eigener Ansteckung, verhindert aber, seine Mitmenschen anzustecken. Entsprechend schützt man sich automatisch gegenseitig, solange jeder im sozialen Kontakt einen Mundschutz trägt. Das muss keine Maske sein. Auch ein Schal oder ein Stück Stoff genügt, um den Mund und Nasenbereich beim Sprechen, Nießen und Husten zu bedecken. Dadurch wird auch das Risiko einer Schmierübertragung des Virus reduziert, weil man sich seltener mit der Hand in den Nasen-Mund-Bereich fasst. Entsprechend gelangen auch weniger Viren auf verschiedene Oberflächen. Auf Metall überleben die Viren angeblich bis zu drei Tagen. Diese Schutzmaßnahmen gelten übrigens auch für die eigenen vier Wände, wenn dort jemand bereits infiziert ist oder infiziert sein könnte.

          Krankenhäuser dienen nach den jüngsten Zahlen aus Italien offenbar eher zur Verbreitung als zur Eindämmung des Virus …?

          Leider ja. Medizinische Mitarbeiter müssen adäquat mit Mundschutz und Handschuhen geschützt werden. Bei direktem Patientenkontakt ist eine Schutzmaske der Kategorie FFP2, idealerweise gar Schutzkleidung nötig. In China ist eine Übertragung über die Bindehaut festgestellt worden, weshalb ein Augenschutz zwingend notwendig ist. Die genannten Schutzmaßnahmen waren zum Beispiel in Deutschland bis vor Kurzem noch nicht eingeführt oder sind es immer noch nicht. Es gibt bereits Mediziner in Deutschland, die bei der Arbeit infiziert wurden. Das hätte gar nicht passieren dürfen.

          Gab es in China nicht eine ähnliche Kontaktsperre wie nun bei uns?

          Die jetzige Kontaktsperre beabsichtigt die Geschwindigkeit an Neuinfizierungen zu reduzieren. Um Neuinfizierungen zu vermeiden, müsste man jene Schutzmaßnahmen einführen und für den Zyklus mindestens einer Inkubationszeit – also 14 Tage – das öffentliche Leben einstellen. Wir verlieren mit unserer Inkonsequenz doch nur unnötig Zeit, zum normalen Leben zurückkehren zu können. Was hat es für einen Sinn, wenn die Kinder „systemrelevanter“ Eltern weiter ohne Schutzmaßnahmen in die Betreuungsangebote gehen dürfen? Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich sowohl Kinder, Erzieher als auch Eltern gegenseitig in einer Art Teufelskreis infizieren, zumal wenn gerade jene Eltern berufsbedingt – beispielsweise als Arzt oder Polizist - einer hohen Ansteckung ausgesetzt sind. In China wurden sämtliche Betreuungsangebote konsequent eingestellt.

          Besteht überhaupt eine Hoffnung, die Krise durch das Virus noch in diesem Jahr zu beenden? Was passiert im Winter, wenn es bis dahin keinen Impfschutz geben sollte?

          Sollte eine effektive Immunität weiter nicht möglich sein, wird es im Winter wahrscheinlich eine erneute Welle geben. Es führt also kein Weg an einer Änderung im Sozialverhalten vorbei.

          Gibt es denn schon Heilungsmethoden?

          Es gibt in China bisher kein einheitliches Behandlungsschema sondern nur Leitlinien, die verschiedene Verfahren vorschlagen. Ein paar Medikamente aus dem Umfeld HIV, Ebola, Malaria, Hepatitis und Grippe haben positive Wirkung gezeigt. Kombiniert wurde die Behandlung mit TCM-Methoden, was entsprechend schwer auf Europa übertragbar ist. Infizierte mit schweren Symptomen müssen auf der Intensivstation behandelt werden. In schlimmen Fällen müssen sie gar durch ECMO – ein externes künstliches Herz-Lungen-System – am Leben gehalten werden.

          Hui He-Gehr ist praktizierende Ärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie in einem deutschen Krankenhaus. Sie hat Medizin an der Universität Heidelberg studiert und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

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