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Angst, Hass und Vorurteile : Wie Rassisten das Coronavirus für sich nutzen

Ein Mitarbeiter der Kommunalbehörden trägt einen Mundschutz beim Füttern einer Schar von Lachmöwen am Ufer des Dian Chi Sees in Kunming, China. Bild: dpa

Der Ursprung des Coronavirus liegt wohl auf einem Tiermarkt in der chinesischen Stadt Wuhan. Seit dem Virus-Ausbruch sind Vorurteile, Sinophobie und Rassismus im Netz nicht mehr zu stoppen. Ein millionenfach geteiltes Video löste krasse Reaktionen aus.

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          Angefangen hat es mit einem Video, auf dem eine Frau beim Essen zu sehen ist. Das Besondere an diesem Video: Eine vermeintliche Chinesin beißt in den Flügel eines Flughundes. Sie hält das tote Tier im Ganzen mit ihren Essstäbchen am Mund und posiert damit für die Kamera. Das Video mit dem „Fledermaus-Suppen-Mädchen“ erhält massive Aufmerksamkeit – spätestens als die ersten Fälle des Coronavirus in China bekannt werden. Schnell ist das Narrativ geschaffen: Die unzivilisierten Chinesen mit ihren unerhörten Essgewohnheiten sind schuld am Coronavirus. Wer Suppe aus Flughunden isst, müsse sich schließlich nicht wundern, wenn die Tiere ein Virus auf den Menschen übertrügen.

          Manon Priebe

          Redakteurin für Social Media.

          Ja, der Ursprung des Coronavirus liegt wohl auf einem Tiermarkt in Wuhan. Und ja, Flughunde und Fledermäuse sind mögliche Überträger. Hier hört die Wahrheit aber auch schon auf: Denn das besagte Video entstand gar nicht in Wuhan, nicht einmal in China. Mengyun Wang, so heißt die Influencerin mit dem Flughund, hat das Video eigenen Angaben zufolge vor drei Jahren in Palau gedreht, als Reisereportage für ihren Videoblog. Doch seitdem die Zeitung „Daily Mail“ und der TV-Sender „Russia Today“ ihr Video mit dem Coronavirus in Verbindung brachten, erhält sie Hassnachrichten bis hin zu Todesdrohungen.

          Es ist wahr: In China gibt es andere Essgewohnheiten als in Deutschland. Doch selbst hierzulande verstehen Süddeutsche nicht unbedingt die norddeutsche Vorliebe für Lakritze, und Norddeutsche wundern sich über „Pfälzer Saumagen“. Ähnlich sieht es in China aus: Buddhistische Mönche leben vegetarisch und Pekinger halten sich einen Husky in ihrem Apartment, während woanders Hund gegessen wird. Und das ganze Land behauptet von Kantonesen, sie würden alles mit vier Beinen essen – bis auf Tische – und alles, was fliegen könne. Außer Flugzeuge.

          Doch es ist nicht bei dem einem Video und bei den Vorurteilen geblieben. Sinophobie und Rassismus haben sich schnell hinzu gesellt. Auf der Titelseite der „Herald Sun“ stand zuletzt „Chinese Virus Panda-monium“, also „Chinesische Virus-Hölle“ – mit dem beabsichtigten Schreibfehler, der Pandemonium zu Panda-monium macht. Und der „Daily Telegraph“ druckte über die halbe Titelseite „China kids stay home“, also: „China-Kinder bleibt zuhause“. Über 63.000 Unterschriften hat mittlerweile eine Petition, die eine Entschuldigung von den beiden australischen Zeitungen fordert. Darunter kommentiert ein Unterzeichner, dass niemand auf die Idee gekommen wäre, Ebola als „Kongo-Virus“ zu bezeichnen. Oder BSE als „Europäisches Virus“. Auch die französische „Courrier Picard“ titelte mit „Chinesisches Coronavirus – gelber Alarm“ – und hat mittlerweile um Entschuldigung gebeten.

          Auch in Deutschland druckt „Der Spiegel“ die Schlagzeile „Corona-Virus: Made in China“ auf seine Titelseite, dazu ein Bild eines asiatisch-aussehenden Mannes mit Atemmaske und rotem Umhang. Dasselbe Foto verwendet übrigens auch das Magazin Focus, verzichtet auf dem Cover allerdings auf einen China-Bezug.

          In Sozialen Netzwerken erzählen viele Menschen mit asiatischen Wurzeln, dass sie plötzlich pauschal als chinesisch, ergo als krank oder zumindest als Ansteckungsgefahr wahrgenommen würden. Sie berichten von Begegnungen im Supermarkt, in dem eine Frau „Asiaten, bleibt zuhause, hört auf das Virus zu verbreiten“ murmelt. Von einer Ärztin, deren Patient darüber „scherzte“, ihr nicht die Hand zu schütteln aus Angst vor dem Coronavirus. Von einer Mutter, deren Kind Angst hat, weil Mitschüler ihn auf das Virus „testen“ wollen würden, weil er ein chinesisches Elternteil hat.

          Um Entschuldigung gebeten hat mittlerweile Henning Bornemann. Der WDR-5-Moderator und Satiriker hatte auf Twitter ein „freches Kinderlied“ mit dem Titel „Drei Chinesen im #Corona-Fass“ angekündigt – samt Illustration von drei Menschen mit Spitzhut und langen, dünnen Schnurrbärten, freundlich grinsend. Eine perfekte rassistische Karikatur „des Chinesen“. Journalistin und Ko-Host des Podcast „Rice and Shine“ Minh Thu Tran erinnerte an das „Umweltsau“-Lied des WDR und Tom Buhrow, der damals hinterfragte, ob das Lied in der Redaktion auch durchgegangen wäre, wenn statt von einer Oma  von „Ali“ die Rede gewesen wäre. Sie schreibt: „Ein paar Wochen später @wdr5 so: ,Drei Chinesen im Corona-Fass plus echt verletzend rassistischer Karikatur.“ Bornemann löschte den Tweet und gab zu, den „Fehler zu spät erkannt“ zu haben, „Satire war das nicht“. Das Lied habe es nie gegeben.

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