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Ansteckende Krankheit : Erster Coronavirus-Fall in Deutschland bestätigt

  • Aktualisiert am

Fluggäste bei der Ankunft am Flughafen Toronto in Kanada. Bild: dpa

Ein Mann aus Starnberg in Bayern hat sich mit dem Coronavirus infiziert und wird behandelt. Das Risiko für die Bevölkerung in Deutschland wird aber „als gering erachtet“. In China steigt die Zahl der Todesopfer auf mehr als hundert.

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          Erstmals ist in Deutschland eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus bestätigt worden. Ein Mann aus dem Landkreis Starnberg in Bayern habe sich mit dem Erreger infiziert, teilte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in München am späten Montagabend mit. Das Virus kann eine Lungenkrankheit auslösen, an der im Hauptverbreitungsland China bereits mehr als hundert Menschen gestorben sind – die meisten davon waren ältere Patienten mit schweren Vorerkrankungen.

          Der Patient in Bayern befindet sich nach Angaben der „Task Force Infektiologie“ des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) klinisch in einem guten Zustand, wie es in der Mitteilung hieß. „Er wird medizinisch überwacht und ist isoliert.“ Weitere Angaben zu dem Mann machte der Sprecher zunächst nicht. Das bayerische Gesundheitsministerium und das LGL wollen die Öffentlichkeit am Dienstagvormittag bei einer Pressekonferenz informieren. „Dann besteht die Möglichkeit für Fragen der Medien“, hieß es weiter.

          „Risiko für Bevölkerung wird als gering erachtet“

          Der Ministeriumssprecher betonte: „Das Risiko für die Bevölkerung in Bayern, sich mit dem neuartigen Coronavirus zu infizieren, wird von der „Task Force Infektiologie“ des LGL und vom Robert Koch-Institut (RKI) derzeit als gering erachtet.“ Menschen, die engen Kontakt mit dem Patienten hatten, würden ausführlich aufgeklärt und über mögliche Symptome, Hygienemaßnahmen und Übertragungswege informiert. In Europa waren zuvor drei Infektionen mit dem neuartigen Virus nachgewiesen worden. Alle drei betrafen Menschen in Frankreich, die zuvor in China gewesen waren.

          Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sieht Deutschland im Umgang mit dem Coronavirus gut gerüstet. Der Fall in Bayern zeige, dass man gut vorbereitet sei, erklärte er am Dienstag: „Die Gefahr für die Gesundheit der Menschen in Deutschland durch die neue Atemwegserkrankung aus China bleibt nach Einschätzung des RKI weiterhin gering.“ Es sei zu erwarten gewesen, dass das Virus auch Deutschland erreiche.

          Die Gesamtzahl der weltweit bekannten Erkrankungen ist mittlerweile auf über 4500 gestiegen, nachdem das chinesische Staatsfernsehen am Dienstag einen
          Sprung um mehr als 1700 Fälle im Vergleich zum Vortag meldete. Allein in der besonders schwer betroffenen Provinz Hubei habe es auch 24 weitere Todesopfer gegeben, so dass landesweit mindestens 106 Menschen an der Lungenkrankheit gestorben seien. Das neue Virus 2019-nCoV stammt ursprünglich vermutlich von einem Markt in der chinesischen Millionenstadt Wuhan, wo es wohl von dort gehandelten Wildtieren auf den Menschen übersprang.

          Eine schützende Impfung oder eine spezielle Therapie zur Behandlung der Erkrankung gibt es nicht. Die Symptome – darunter trockener Husten, Fieber und Atemnot – können aber mit Medikamenten abgemildert werden. Nach derzeitiger Einschätzung von Experten verläuft die neuartige Lungenkrankheit offenbar in den meisten Fällen mild, möglicherweise sogar ohne Symptome. Von den in China registrierten Todesfällen gehen die meisten nach bisherigen Erkenntnissen auf ältere und ohnehin schon stark geschwächte Patienten zurück.

          Der neue Erreger ist dem Virus hinter der Sars-Epidemie 2002/2003 sehr ähnlich. Damals hatte es nach Daten der Weltgesundheitsorganisation zwischen November 2002 und Juli 2003 neun Nachweise in Deutschland gegeben. Todesfälle gab es hier nicht.

          China hat im Kampf gegen eine weitere Ausbreitung drastische Maßnahmen ergriffen: In der Provinz Hubei wurden mehr als 45 Millionen Menschen weitgehend von der Außenwelt abgeschottet. Fern- und Nahverkehr wurden gestoppt. Am Dienstagmorgen hat Chinas Hauptstadt Peking den Großteil der Busverbindungen in die benachbarte Provinz Hebei ausgesetzt. Dies gaben die Pekinger Verkehrsbetriebe bekannt. Chinas autonome Region Tibet hat vorübergehend alle touristischen Stätten geschlossen, um die  Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Außerdem würden alle Einreisenden zur Beobachtung 14 Tage lang unter Quarantäne gestellt werden.

          Zudem haben die Behörden in Peking allen Chinesen geraten, geplante Auslandsreisen möglichst zu verschieben. Um die Bewegung von Personen über die Grenze zu verringern und damit die Epidemie mit dem Coronavirus einzudämmen, sollten Staatsbürger, die ins Ausland wollten, „den Zeitpunkt der Reise mit Vernunft wählen“, zitierte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua die nationale Verwaltung für Ein- und Ausreisen. „Wenn keine besondere Notwendigkeit besteht, wird empfohlen, den Zeitpunkt der Reise zu verschieben.“

          Südkorea bestätigt den vierten Fall einer Erkrankung mit dem Virus. „Die Regierung wird alles daran verwenden, die Bürger zu schützen und ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft zu minimieren“, sagte Finanzminister Hong Namki bei einem politischen Treffen in Seoul.

          Wegen der neuen Lungenkrankheit wollen immer mehr Länder ihre Staatsangehörigen aus den besonders betroffenen Regionen zurückholen, so etwa Großbritannien und Belgien, Japan, Frankreich und die Vereinigten Staaten. Auch die Bundesregierung erwägt, ausreisewillige Deutsche aus China auszufliegen. Eine mögliche Evakuierung werde in Betracht gezogen, sagte Außenminister Heiko Maas (SPD).

          RKI-Präsident Lothar Wieler hatte am Montagmorgen in einem ZDF-Interview versichert, Deutschland sei auf das neuartige Virus „absolut gut vorbereitet“, unter anderem durch Übungen der Gesundheitsämter. Es sei vor allem wichtig, dass mögliche Erkrankungen sehr früh erkannt würden. Auch die deutschen Flughäfen, über die das Virus nach Deutschland eingeschleppt werden könnte, seien „sehr gut gewappnet“. Einige Bundesländer haben ergänzende Sicherheitsvorkehrungen getroffen, beispielsweise an Flughäfen. Pandemie- und Umgangspläne sorgten für Klarheit, was im Fall der Fälle an den Flughäfen und an den Kliniken zu tun sei, erklärte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

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