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Computersucht : Keine Krankheit, aber ein Problem

  • -Aktualisiert am

Sie wollen nur spielen: Teilnehmer der Lan-Party „The Summit“ in Braunschweig Bild: Pilar, Daniel

Computer helfen bei der Arbeit, unterhalten und lenken ab. Dennoch bergen sie Gefahren. Die bislang unerforschte „Computersucht“ stellt Pädagogen und Politiker vor neue Fragen. Antworten sind allerdings noch rar.

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          Computer sind universell. Als Werkzeuge, zur Unterhaltung, zur Übung und Ablenkung sind sie heute oft sogar unentbehrlich. Doch inzwischen gelten Computer auch als Gefahr. Mehr als eine halbe Million Menschen zwischen 14 und 64 Jahren in Deutschland sollen computersüchtig sein. Bei weiteren 2,5 Millionen Menschen sei der Umgang mit dem Computer problematisch. Das sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), vergangene Woche in einer Klinik für Psychotherapie und Suchtmedizin in Lübstorf bei Schwerin – einer von zwei Einrichtungen in Deutschland, in der „pathologischer PC- und Internet-Gebrauch“ behandelt werden. Einem großen Publikum werden die Zahlen gerade auch von Manfred Spitzer, dem Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, unterbreitet. Er nannte sie dieser Tage in mehreren Fernsehshows, um die Dramatik des Themas seines Buches („Digitale Demenz“) zu untermauern.

          Flucht aus der unmittelbaren Sozialität

          Die als „Computersucht“ bezeichnete Krankheit gibt es bislang allerdings nicht. Generell sind „substanzfreie Süchte“ nicht klassifiziert. Es gibt für sie weder namentliche Diagnosen noch Therapien, die über die Leistungskataloge der Krankenkassen abgerechnet werden könnten. Dennoch steckt hinter der Beobachtung Computersucht häufig ein medizinisches Problem. Es ähnelt in weiten Teilen dem des pathologischen Glücksspiels. Wenn Personen ihr Spielverhalten nicht kontrollieren können, wenn sich Ausdauer zu einem Zwang entwickelt, liegt eine krankhafte Verhaltensstörung vor. Das häufigste Kriterium für eine medizinische Diagnose ist in diesen Fällen eine mangelhafte Impulskontrolle. Die Therapien zielen auf deren Ursachen und die psychischen Folgeprobleme ab.

          Nicht nur Spiele, auch soziale Netzwerke können computersüchtig machen

          So ist es auch bei der Computersucht. Personen, die einen auffälligen Umgang mit dem Computer zeigen, litten in jedem zweiten Fall auch an einer Depression, sagt Bernd Sobottka, der Leitende Psychologe der Klinik in Lübstorf. Ebenso gehören Persönlichkeitsstörungen, soziale Ängste und Störungen des Beziehungsverhaltens häufig zum Krankheitsbild. Der Computer, dem die Krankheit zugeschrieben wird, dem in der Problembeschreibung auch die mediale Aufmerksamkeit gilt, ist für die Therapeuten eher ein Träger der Symptome. Eine Ursache für krankhaftes Verhalten kann ihm beim aktuellen Forschungsstand nicht zugeschrieben werden.

          Die Studie zur „Prävalenz der Internetabhängigkeit“ (Pinta), aus der Dyckmans und Spitzer zitieren, ist bislang die einzige, die für die deutsche Gesamtbevölkerung repräsentativ ist. Ihr Ergebnis zeigt interessante Missverständnisse in der Diskussion: Im Alter von 14 bis 16 Jahren ist die Wahrscheinlichkeit, dass Mädchen Suchtverhalten zeigen (8,6 Prozent) im Vergleich zu Jungen (4,1 Prozent) mehr als doppelt so hoch. Die Jungen sind zwar diejenigen, die durch ihr ausdauerndes Computerspielen mehr Aufmerksamkeit erregen. Doch die jungen Frauen sind noch häufiger abhängig von der Omnipräsenz ihrer sozialen Netzwerke. Hinter beiden Phänomenen steckt eine Form von Flucht aus der unmittelbaren Sozialität von Familien und Schulen, die aber dennoch, im abgesicherten Modus, Erfolge und Anerkennung ermöglichen.

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