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Computerspiele als Therapie : Level um Level

  • -Aktualisiert am

Zocken für die Gesundheit: Computerspiele werden auch in der Reha eingesetzt Bild: dpa

Im Bad Wimpfener Gesundheitszentrum sollen Computerspiele Schlaganfall-Patienten bei der Rehabilitation helfen. Es geht darum, das eigene Gehirn auszutricksen.

          Es ist noch nicht so lange her, dass Udo Zizmann dachte, Computerspiele seien Zeitverschwendung und allenfalls etwas für Leute, die seine Enkel sein könnten. Heute räumt er auf dem Monitor, der vor ihm steht, Äpfel in den Einkaufswagen, oder er raspelt darauf mit monotonen Bewegungen Möhren. Zweifelsohne gibt es spannendere Spiele, doch Zizmann ist voller Konzentration bei der Sache.

          „Es geht nicht darum, Karotten zu reiben“, erklärt er, ohne den Bildschirm aus den Augen zu lassen. Sein Ziel: sich gesund zu spielen. Vor einem Jahr konnte Zizmann eines Morgens seine Schuhe nicht mehr zubinden. Es wurde eine Hirnblutung diagnostiziert, seine rechte Körperhälfte war gelähmt. Heute kommt er zweimal wöchentlich zur Reha.

          Im Übungsraum des Bad Wimpfener Gesundheitszentrums absolviert eine Gruppe Patienten Stretchübungen unter therapeutischer Anleitung, Zizmann sitzt neben ihnen vor dem Bildschirm. „Die Spielchen sind wirksam“, berichtet er, während er virtuelle Bilderrahmen säubert. „Denn der Lappen putzt nur, wenn ich auch drücke.“ Mit der rechten Hand umfasst er eine Art Joystick, sein rechter Arm liegt auf einer Schiene, zwei Klettverschlüsse zurren ihn fest.

          Möglichst viel spielen

          Die Schiene verhilft seinem Arm zu einem Bewegungsradius, den er ohne sie nicht hätte. Sie ist mit Spannfedern ausgestattet, so dass die Schwerkraft Zizmann nicht daran hindern kann, den Arm so zu bewegen, dass der Lappen auf dem Bildschirm scheinbar mühelos auf und ab gleitet. „Wenn man sieht, was mit der Restfunktion des Arms erreichbar ist, will man die Übung sofort wiederholen“, kommentiert Zizmann knapp, bevor der nächste Level beginnt.

          Das ist ganz im Sinne des Erfinders: Das Gerät namens Armeo Spring soll dazu motivieren, möglichst viel zu spielen. Denn schließlich soll das Gehirn des Patienten erkennen, dass es noch einen Arm gibt, auch wenn dieser im Alltag kaum genutzt wird. Die Unterstützung durch die Schiene lässt sich schrittweise verringern.

          40 000 Euro kostet das Gerät, das seit vier Jahren auf dem Markt ist. 54 Modelle wurden seither in deutschen Kliniken installiert, wie es beim Schweizer Hersteller Hacoma heißt. In der neurologischen Abteilung des Gesundheitszentrums in Bad Wimpfen werden Patienten therapiert, die einen Schlaganfall oder ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten haben, die an Hirntumoren leiden oder an Multipler Sklerose.

          Gehirn muss überlistet werden

          Behandelt werden nicht die Ursachen der Erkrankung, sondern ihre Folgen. Dazu können Lähmungen gehören, aber auch Sprachprobleme oder kognitive Störungen wie mangelnde Konzentration oder ein beeinträchtigtes Erinnerungsvermögen. Zerstörtes Hirngewebe wächst nicht nach, das ist das eigentliche Problem von vielen dieser Erkrankungen.

          Dennoch besteht Hoffnung: „Wenn zum Beispiel Teile der Hirnrinde zerstört sind, können benachbarte Hirnrindenabschnitte deren Aufgaben übernehmen“, sagt Volker Hömberg, Chefarzt der Neurologie. „Indem Nervenzellen neu verdrahtet werden, kann sich das Hirn reorganisieren.“In der Therapie muss das Gehirn folglich einfach überlistet werden, und zwar durch beständiges Üben.

          Mit Computerspielen trainieren Patienten in Bad Wimpfen nicht nur ihre Motorik, sondern auch Gedächtnis und Reaktionsvermögen. „So bleiben die Patienten motiviert, das Feedback durch Punktescores weckt ihren Ehrgeiz“, berichtet Hömberg. Nicht immer muss es gleich das teure medizinische Produkt sein, manchmal hilft schon Massenware, die man sich auch ins eigene Wohnzimmer stellen kann:

          Im Übungsraum steht ein Patient, der das Greifen neu erlernen muss, vor einem überdimensionalen Bildschirm. In der Hand hält er einen Joystick. Dann holt er mit dem Arm aus und steuert eine virtuelle Kugel per Knopfdruck in Richtung von neun virtuellen Kegeln. Zuvor räumte er in der wirklichen Welt Tennisbälle von einem Korb in den anderen. Das diente demselben Zweck. Aber vor dem Bildschirm gefällt es ihm besser.

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