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Coaching : Das Kind ohne Makel

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„Es hat zwei Seiten“, sagt sie: „Man ist an neuen Methoden interessiert, wie man mit dem Kind umgehen kann. Andererseits denkt man sich dann: ,Hättest du mal vorher so oder so reagiert.‘“ Es sind solche Sätze, aus denen die Verunsicherung der Eltern spricht. Allerdings sollte man aufpassen, nicht alles zum Privatproblem zu stilisieren. Speziell im Fall von Mobbing. Das ginge schließlich die ganze Gruppe an, mahnt Schulpsychologe Drewes: das Opfer, die Peiniger, die Lehrer und Eltern, ebenso wie diejenigen, die nicht direkt am Mobbing beteiligt gewesen sind, es aber geduldet haben.

„Die Klasse muss deutlich machen, dass sie ein solches Verhalten nicht will.“ Für solche Fälle gebe es die Beratungslehrer und Schulsozialarbeiter an den Schulen, ja, ein ganzes System von Schulpsychologischen Diensten, sagt Drewes, der mit dem Coaching wohl auch neue Konkurrenz im Feld heranwachsen sieht. Im Fall von Emma hat das bestehende System jedoch versagt. „Es gab all die Gespräche“, sagt die Mutter, „aber die Nachsorge war schlecht. Wir Eltern und die Lehrer hätten darauf gucken müssen, dass es nicht noch einmal passiert.“ Als das Mobbing nach ein paar Monaten wieder hochkochte, sei für sie nur noch der Schulwechsel in Frage gekommen. Und die Hilfe vom Coach.

Bis sie Angelika Fuchs gefunden hatte, war es allerdings ein weiter Weg. Wer nach Kindercoaching im Internet sucht, muss sich durch einen Dschungel an Angeboten kämpfen. Da sind die typischen Jobberater, die nicht nur Speed-Stressbewältigung in fünf Minuten, sondern auch Familien- und Kindercoaching anbieten. Da sind Psychotherapeuten, die im Coaching wohl ein zweites Standbein entdeckt haben. „Das Feld ist total unübersichtlich“, moniert Emmas Mutter, die bei ihrer Suche verzweifelt nach irgendeiner Referenz Ausschau hielt.

Doch „Kindercoaching“ ist genauso wenig geschützt wie Erwachsenencoaching. Es kann sich jeder „Kindercoach“ nennen, ohne eine spezielle Ausbildung vorweisen zu müssen. Manche Coaches haben einen Wochenendkurs absolviert und hängen sich ein entsprechendes Zertifikat an die Wand. Manche haben noch nicht einmal das getan.

Einige private Institute bieten Ausbildungskurse an, etwa das Coaching Center Köln, das Angelika Fuchs aufgebaut hat. Die Sechsundvierzigjährige hat ihren Job als Grundschullehrerin vor Jahren aufgegeben, um in der Erwachsenenbildung zu arbeiten. Dann hat sie sich zum Coach ausbilden lassen, eine NLP-Ausbildung kann sie auch vorweisen. Das ist die Abkürzung für Neurolinguistisches Programmieren, die Methode gehört mehr oder weniger zum Coaching-Standardrepertoire. Der innere Anker kommt zum Beispiel aus dem NLP. Unter Psychotherapeuten ist es um den Ruf der Technik indes nicht allzu gut bestellt.

Bei Wahl des Coachs zählt das Bauchgefühl

Koch rät den Eltern, bei der Auswahl des Coaches auf eine solide psychologische Grundausbildung zu achten. Ist ein Coach von Haus aus Lehrer, Psychotherapeut oder Schulpsychologe, sei man möglicherweise an der richtigen Adresse. Aber er will auch Menschen mit BWL-Abschluss nicht die Kompetenz absprechen, sich entwicklungspsychologische Kenntnisse anzueignen.

Bis es Qualifikationsnormen fürs Kindercoaching oder eine anerkannte Coaching-Ausbildung gibt, müssen sich Eltern wohl auf ihr Bauchgefühl verlassen. Die Mutter von Emma hatte den Eindruck, bei Angelika Fuchs richtig zu sein. Freilich hat man beim Coaching nicht viel Zeit, Vertrauen aufzubauen. Die Mutter wollte sichergehen: „Ich habe Frau Fuchs gebeten, mal eine Sitzung aufzuzeichnen, damit ich mir die Arbeit ansehen kann.“

Das habe sie beruhigt. Vor allem die Rollenspiele hätten bei Emma, die in Gruppen immer zurückhaltend ist, etwas ausgelöst. Jetzt wisse sie, dass sie sich nicht immer produzieren müsse, und dass es schon reiche, auf dem Schulhof einfach nur dabei zu stehen und mal etwas Kleines zu sagen. „Das Coaching hat etwas aktiviert, was Emma sowieso kann“, ist die Mutter überzeugt. Und das ist offenbar gut zu wissen. Für das Kind und die Mutter.

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