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Coaching : Das Kind ohne Makel

  • -Aktualisiert am

300 Euro zahlte die Mutter für fünf Sitzungen. Eine Psychotherapie hätte die Krankenkasse übernommen. „Aber eine Therapie hat gleich diesen Psycho-Touch“, sagt die Mutter und windet sich etwas. „Außerdem dauert sie viel länger.“ So ergehe es vielen Eltern, die ihre Kinder coachen lassen, vermutet Günter Koch, Geschäftsführer der Berliner Akademie für Psychotherapie, an der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten ausgebildet werden. Einer Therapie hafte immer noch der Makel an, jemand sei schwach und krank. Doch man müsse klar unterscheiden.

Mit depressiven oder selbstmordgefährdeten Kindern beispielsweise sollten Eltern nicht zum Coach, sondern zu einem Psychotherapeuten oder Psychiater gehen. Eine lange Psychotherapie sei allerdings nicht bei jeder Lernschwäche, jeder Schwierigkeit unbedingt nötig. „Man muss tatsächlich nicht jedes Problemchen gleich pathologisieren“, glaubt Koch. Natürlich passt das Coaching von Kindern in die Zeit. „Die Eltern sind heute stark verunsichert“, sagt Koch, der selbst Psychologischer Psychotherapeut ist. Viele hätten Angst, dass ihre Kinder den Anschluss verlieren, und glaubten daran, dass das Kind mehr könne, als es zeige.

Allzu viel Entlastung darf nicht erwartet werden

Man kann sich allerdings ganz generell fragen, was eigentlich so problematisch daran ist, wenn ein Kind nicht alles gibt. Wenn es manchmal lieber für sich ist als in der Gruppe. Wenn es beim Schwimmen noch etwas ängstlich und in der Theatergruppe zurückhaltend ist. Und wo die Grenzen liegen zwischen kleinem Anschub und Optimierungszwang, dem sorglosen und dem makellosen Kind. In Zeiten, in denen manch Dreijähriger Chinesisch lernt, stehen Eltern wohl unter Druck, alles aus ihren Kleinen herauszuholen. Man will sich später ja nichts nachsagen lassen.

„Wir schicken die Kinder zweimal pro Woche zur Nachhilfe, zum Sport, zur Musikförderung, und dann auch noch zum Coach“, kritisiert Stefan Drewes den Trend. Er ist Vorsitzender der Sektion Schulpsychologie beim Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Eltern sollten lieber innehalten und sich fragen: Was vermittele ich eigentlich meinem Kind, wenn ich extern einen Spezialisten einkaufe? Laut Drewes ist die Botschaft der Eltern: „Allein schaffst du es ja nicht.“

Allzu viel Entlastung sollten Eltern indes vom Coaching auch nicht erwarten. Im Gegenteil, sagt sein Berliner Kollege Koch: „Ein Coaching kann auch viel Arbeit bedeuten, das fordert manchmal die ganze Familie.“ Beispiel Hausaufgaben: Die Eltern müssen darauf achten, dass der Fernseher ausgeschaltet ist und das Kind nicht nebenbei SMS verfasst. Auch Emma und ihre Mutter hatten Verhaltensmuster eingeübt, die Fuchs kritisierte: „Emma brauchte nur die Augenbraue zu heben, wenn es ihr unangenehm wurde, und die Mutter erlöste sie.“ Emma musste lernen, dass man da draußen auf fast unsichtbare, nonverbale Kommunikation nicht reagiert. Und die Mutter auch.

Das bestehende System hat versagt

Emmas Mutter ist nicht der Typ „leistungsorientierte Stressmami“, die ihre erzieherischen Aufgaben gern an andere delegiert. Zumindest wirkt sie im Gespräch nicht so. Es ist eher umgekehrt: Sie habe sich schwere Vorwürfe gemacht, zu spät mitbekommen zu haben, was mit Emma los sei. „Wir sind eigentlich sehr bewusste Eltern. Aber in dem Alter ziehen sich die Kinder ja ohnehin zurück.“ Außerdem sei sie selbst in der Zeit krank geworden. „Mir fehlte einfach die Power.“ Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen, fiel ihr schwer.

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