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Chinas Gesundheitssystem : Mach mich gesund, oder ich bringe dich um

  • -Aktualisiert am

Dein Feind, der Kranke: Schwestern in einer Klinik in Xiangjang in der Provinz Hubei, umgeben von enervierten Patienten und deren Angehörigen Bild: picture alliance / dpa

In China bedrohen Patienten immer häufiger ihren Arzt – aus Wut über das Gesundheitssystem. Viele Krankenhausangestellte fürchten um ihre Sicherheit.

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          Der Patient aus Qiqihar ist unzufrieden mit der Nasenoperation und erschlägt seinen Arzt mit der Eisenstange. In Wenling ersticht ein Patient nach einer Operation den Arzt. In Hunan schlagen Angehörige eines gerade gestorbenen Krebspatienten eine Ärztin und eine schwangere Krankenschwester nieder. In Nanjing greift ein Ehepaar den Arzt der Tochter an, weil er in einem Notfall einen Mann in deren Zimmer auf der Frauenstation unterbringen muss; der Arzt kommt mit leichten Verletzungen davon, aber eine Krankenschwester wird am Rückgrat verletzt und ist seitdem gelähmt. Und in Nanking prügeln eine Frau und ihre Tochter auf eine schwangere Krankenschwester ein, die ihnen sagt, sie müssten noch warten. Die Krankenschwester erleidet eine Fehlgeburt.

          Alle diese Gewalttaten ereigneten sich in den vergangenen Monaten in chinesischen Städten. Nach einer Erhebung der Ärzte-Vereinigung gibt es in jedem Krankenhaus des Landes 27 solcher Vorfälle im Jahr. Ärzte und Pflegepersonal fürchten um ihre Sicherheit. Nach dem Angriff von Zhejiang kam es sogar zu einer Demonstration der Krankenhausangestellten, zum ersten Mal in China. Aber die Sympathien der Öffentlichkeit liegen nicht bei den Ärzten – sondern bei den Gewalttätern.

          Gesundheitssystem stürzt oft ganze Familien in Schulden

          „Das Verhältnis von Ärzten und Patienten in China ist grundlegend gestört“, sagt die Pekinger Anwältin Li Huijuan, die sich auf Streitfälle im Gesundheitswesen spezialisiert hat. In China, wo die Ärzte einst Götter waren, ist der Beruf in Verruf geraten. Früher bedankten sich die Angehörigen eines Verstorbenen beim Arzt für seine Bemühungen – heute, so Li Huijuan, griffen sie in tätlich an.

          Vergiftet wurde das Verhältnis von Arzt und Patient mit dem Umbau des Gesundheitssystems. Das sozialistische mit den staatlichen Krankenhäusern, in denen die Städter fast kostenlos behandelt wurden, ist passé. Jetzt gilt ein Versicherungssystem, das nicht mehr allen den gleichen Schutz bietet. Die meisten Städter sind gut gesichert, die Landbevölkerung und die Wanderarbeiter müssen einen großen Teil der Kosten, besonders für Operationen und Krankenhausaufenthalte, noch immer selbst zahlen. Das stürzt oft ganze Familien in Schulden.

          In China gibt es kaum Arztpraxen; noch für die kleinste Untersuchung geht man ins Krankenhaus. Die Kliniken haben, besonders in den Großstädten, mit dem Ansturm der Patienten zu kämpfen. Jeder versucht, renommierte Ärzte in den großen Krankenhäusern zu konsultieren. Das Pekinger Union-Krankenhaus etwa zählt pro Tag 10000 Patienten. Anmelden kann man sich meist nicht. Der Patient muss persönlich erscheinen, eine Nummer ziehen und warten – stundenlang, nicht selten die ganze Nacht, für fünf Minuten Konsultation. Das macht die Patienten wütend.

          Mehr Medikamente und Untersuchungen als nötig

          Krankenhäuser in China müssen heute nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten arbeiten und sich selbst finanzieren. Vom Staat sind sie aber noch immer dazu angehalten, die Grundversorgung zu einem niedrigen Preis anzubieten. Die Anfangskonsultation bei einem Krankenhaus-Facharzt kostet drei bis fünf Yuan, bei einem Professor sind es sieben Yuan. Das ist weniger als ein Euro. Eine Stunde Parken vor dem Krankenhaus kostet mehr. Die meisten Krankenhäuser finanzieren sich zu 50 bis 60 Prozent mit dem Verschreiben und Verkaufen von Medikamenten und mit aufwendigen Untersuchungen. Für Ärzte gilt: Je mehr sie verschreiben und je mehr aufwendige Untersuchungen sie anordnen, desto mehr verdient das Krankenhaus.

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