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Tradition in China : Nach der Geburt kaserniert

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Ein „Monatshaus“ in Schanghai: Kinderpflegerinnen übernehmen die Neugeborenen, die Mütter können sich derweil ausruhen und verwöhnen lassen. Bild: Reuters

Als Kate Middleton fast schon aus dem Kreißsaal sprintete, kam das in China nicht gut an. Dort werden junge Mütter einen Monat nach der Geburt im Haus eingesperrt. Das „Monatssitzen“ ist eine Tradition, die nicht vergeht.

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          Es war heißer Pekinger Sommer, als Xu Jings kleiner Sohn geboren wurde. Aber trotz stickiger Wärme durfte die junge Mutter einen Monat lang nicht aus der Wohnung gehen. Auch Duschen und Haarewaschen waren ihr verboten. Zu Essen gab es einen Monat lang nur ungewürzte und ungesalzene warme Suppen, Brei und Eier. Xu Jings Schwiegermutter achtete darauf, dass ihre Schwiegertochter die meiste Zeit im Bett lag und nur aufsaß, um das Kind zu stillen.

          Die Fenster in der kleinen Wohnung in einem Pekinger Hochhaus blieben geschlossen. Nur gelegentlich wurde die Klimaanlage kurz in Betrieb genommen, wenn Mutter und Kind gerade nicht im Zimmer waren.

          Das Schlimmste für eine Wöchnerin sei es, Zugluft abzubekommen oder kalt zu werden, sagte die Schwiegermutter. In der kleinen Kochecke bereitete sie unentwegt fettige Knochensuppen und ungesalzenes gekochtes Gemüse für die Schwiegertochter, angereichert mit chinesischem Reiswein.

          Sitzen als Tradition

          China ist ein Land, das wenig auf Traditionen gibt. Einige alte Gebräuche sind von der Kommunistischen Partei schon lange als „Aberglauben“ ausgerottet worden, andere sind der Modernisierung und Verstädterung zum Opfer gefallen oder pragmatisch an neue Gegebenheiten angepasst worden. Doch eine Tradition hält sich hartnäckig, den Erkenntnissen der Hygiene und Medizin zum Trotz. Eine junge Mutter muss nach der Geburt ihres Kindes „zuo yuezi“, den Monat aussitzen.

          Als Xu Jing schwanger war, hatte sie eigentlich nicht vor, sich der Prozedur des „zuo yuezi“ zu unterziehen. Als moderne Städterin wusste sie, dass es in Europa oder Amerika solche Vorschriften nicht gibt – sie fand sie altmodisch. Auch ihr Gynäkologe bestätigte ihr, es sei nicht nötig, einen Monat lang im Bett zu liegen, aber dann rückte kurz vor der Geburt ihre Schwiegermutter aus der Provinz an und machte ihr Angst.

          Regeln, Regeln und Verbote

          Wenn sie die Gebote des „Monatssitzens“ nicht einhalte, werde sie das später bereuen, drohte sie. Im Alter würde dann die „Monatskrankheit“ ausbrechen, alle möglichen Gebrechen vor allem in Gelenken und Knochen könnten sie plagen. Davon ließ sich Xu Jing überzeugen. Sie schwitzte sich mit ihrem Neugeborenen durch dessen ersten Monat, unter den strengen Augen der Schwiegermutter, die darauf achtete, dass nicht gemogelt wurde.

          Die Liste der Vorschriften und Verbote für den „Monat“ ist lang und variiert auch noch örtlich. Das wichtigste Gebot ist, dass die Wöchnerin mindestens einen Monat liegen muss, weil sich sonst die Gebärmutter senkt.

          Sie darf nicht duschen oder baden, sondern nur mit einem feuchten Tuch abgetupft werden, weil die Poren der Haut nach der Geburt geöffnet sind und Kälte eindringen kann. Auf keinen Fall darf sie die Haare waschen, weil die Kopfhaut nicht kalt werden darf. Sie darf auch ihr Kind nicht tragen, weil sich sonst ihre inneren Organe senken.

          Traditionelle chinesische Medizin?

          Die junge Mutter muss auch ihre Augen schonen, weil sie von der Geburt erschöpft sind, daher ist Lesen oder Fernsehen nicht angezeigt. Sie darf auf keinen Fall weinen, weil dies die Augen zusätzlich belasten würde. Zähneputzen würde zu Zahnausfall führen. Sie darf nicht aus dem Haus und soll sich möglichst wenig bewegen.

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