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China : Die Aids-Wende

  • -Aktualisiert am

In den letzten Monaten hat die chinesische Regierung eine überraschende Wende in der Aidspolitik vollzogen. Chinas Regierung wird im Kampf gegen HIV/Aids endlich aktiv.

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          Als eine Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen im vergangenen Jahr in einem alarmierenden Bericht vor einer HIV/Aids-Epidemie ungeahnten Ausmaßes in China warnte, war die Reaktion der chinesischen Regierung zurückhaltend. Daß China eine Million Infizierte haben sollte, daß es bis zum Jahr 2010 zehn Millionen sein könnten, wollte man damals noch nicht wahrhaben. Doch in den letzten Monaten hat die chinesische Regierung eine überraschende Wende vollzogen.

          Die Schätzungen der UN wurden bestätigt. Chinas Regierung wird im Kampf gegen HIV/Aids endlich aktiv. Die neuen Zahlen für China liegen weit über den bisher veröffentlichten und nahe an den Schätzungen der Vereinten Nationen. Danach hat China derzeit etwa 840.000 Infizierte und 80.000 an Aids Erkrankte. Der Gesundheitsminister kündigte ein Programm zur Vorbeugung und Behandlung von HIV/Aids an. Und schließlich wurde bekanntgegeben, daß die ärmsten der Aids-Opfer in China unentgeltliche Behandlung bekommen sollen.

          Mehr Berichte

          In den Zeitungen wird nun häufiger über Aids berichtet. Die chinesischen Medien behandeln das Problem auch ausführlicher als bisher und üben zaghafte Kritik am bisherigen Vorgehen der Regierung. Erstmals wurde in der vergangenen Woche im Fernsehen ein Werbefilm für Kondome als Schutz gegen Aids ausgestrahlt. Der dreißigsekündige Spot zeigt ein junges Paar, das sich vor dem Geschlechtsverkehr nicht gegenseitig über frühere Partner ausfragen will und sicherheitshalber gleich zum Kondom greift. Werbung für Kondome oder andere Produkte, die im Zusammenhang mit den Fortpflanzungsorganen stehen, war in China bislang verboten, auch wenn Kondome leicht erhältlich sind und etwa zwei Milliarden Stück pro Jahr verkauft werden. Im März hatten Abgeordnete des Volkskongresses eine Lockerung der Vorschrift vorgeschlagen, dem die Behörden dann nachkamen.

          Auch Aufklärungskampagnen laufen an. Das erscheint bitter nötig, denn aus dem im September veröffentlichten "Durex Global Sex Survey" geht hervor, daß besonders in China viele Menschen sorglos mit dem Thema Prävention verfahren. Die Erhebung in 34 Ländern fand heraus, daß 36 Prozent aller 150 000 Befragten für Sex mit einem neuen Partner offen sind, wenn dieser die Benutzung eines Kondoms verweigert. Führend ist China, wo sich 70 Prozent zu einem riskanten Liebesspiel hinreißen lassen würden.

          Sars-Krise trug zu Wende bei

          Die Sars-Krise dieses Sommers hat dazu beigetragen, daß die chinesische Regierung nun die Aids-Gefahr endlich ernst nimmt. Sars hat das Bewußtsein für Gesundheitsfragen geweckt und die Mängel des öffentlichen Gesundheitssystems in China aufgedeckt, sagt der Unaids-Koordinator für China, Joel Rehnstrom. Viele dieser Mängel kämen auch bei der Bekämpfung von HIV/Aids zum Tragen. Die Wende in der Aids-Politik fällt wohl auch nicht zufällig zusammen mit dem Führungswechsel in China. Seit März hat China eine neue Regierung. Diese neue Regierung zeigte gegen den Widerstand der konservativen Kräfte in der Partei Kooperationsbereitschaft mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und setzte erstmals auf Offenheit und nicht Verschleierung. Vielleicht hat die chinesische Führung aus der Sars-Krise auch gelernt, daß die Zusammenarbeit mit den internationalen Organisationen wie der WHO von Vorteil sein kann.

          China hatte zwar schon im Jahr 1998 einen Plan zur Eindämmung von Aids erlassen, doch in der Verwirklichung kam wenig voran. Daß China so zögerlich war mit dem Eingeständnis der HIV/Aids-Epidemie und einer Reaktion darauf, hängt auch mit der Besonderheit der HIV-Infektion in China zusammen. Ganze Dörfer in den armen Inlandprovinzen haben sich zu Beginn der neunziger Jahre mit HIV infiziert, als sie ihr Blut verkauften, um ihr mageres Einkommen aufzubessern. Viele Bauern haben das Schulgeld ihrer Kinder über ständige Blutspenden finanziert.

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