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Cellulite : Die neue Beulenpest

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Und sonst? Der Beweis für die Wirksamkeit zahlreicher anderer Stoffe steht noch aus. Von Yamswurzel über Wiesenschaumkraut bis Meerfenchel setzen die Cremehersteller auf eine Vielzahl von Substanzen. „Darunter sind auch Stoffe, die Kontaktallergien auslösen können“, sagt Pavicic. Auch die Zeitschrift „Öko-Test“ gab im Februar sieben von neunzehn getesteten Anti-Cellulite-Mitteln wegen problematischer Ingredienzien die Note „ungenügend“.

Für die Käuferinnen ist jedoch das Hauptproblem, wenn der durchschlagende Erfolg ausbleibt. Manchmal bleibt dann als letzte Hoffnung die Operation. „Die meisten Patientinnen, die zu mir kommen, stellen sich vor, dass wenige kleine Schnitte gemacht werden, dann Fett abgesaugt wird und die Haut hinterher gestrafft und makellos ist“, sagt Hans-Detlef Axmann, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für ästhetisch-plastische Chirurgie. Dann muss er die Frauen meist enttäuschen: „Seriöse plastische Chirurgen bieten keine Fettabsaugungen bei Cellulite an“, sagt Axmann. Die Literatur gibt ihm recht: Zwar schätzen einige Studienautoren das Fettabsaugen als hervorragende Methode ein, andere mussten aber einräumen, dass die Orangenhaut nach der „Liposuktion“ sogar ausgeprägter war als vorher.

Massage hilft, Sport auch

Axmann rät seinen Patientinnen stattdessen, alles zu tun, um die Durchblutung zu verbessern. Zum Beispiel durch Massagen oder Sport: „Solange Sie das machen, sieht die Haut besser aus. Aber sobald Sie aufhören, verschwindet dieser Effekt auch schnell wieder“, sagt Axmann realistisch. Manchmal könne man eben mit sehr viel Aufwand nur sehr wenig erreichen. „Wer sich mehr erhofft hat, neigt dann vielleicht dazu, auf die Werbung für neue Wundermethoden zu reagieren“, sagt der Chirurg.

Oder auch dazu, sich jedes Frühjahr erneut mit „Freundin“, „Für Sie“ und „Amica“ einzudecken. Alljährlich ab März stellen Frauenzeitschriften neue Produkte gegen Orangenhaut vor und drucken Ratgebertexte zum Thema Cellulitebehandlung. „Je eher Sie mit einer systematischen Pflege starten, desto besser fürs Strand-Feeling!“ So oder so ähnlich lauten die Ermahnungen in den Artikeln.

Geschichte des Oberschenkels

Marktführer „Brigitte“ entschied sich allerdings in diesem März, Druck von den Leserinnen zu nehmen, und pries die vergnügten Jahrzehnte vor Erfindung des ersten Anti-Cellulite-Mittels, das 1970 in Frankreich auf den Markt kam. Ein Streifzug durch die Geschichte des Oberschenkels: Noch 1962 störte es laut „Brigitte“ niemanden, dass Ursula Andress' Bikinifigur in „James Bond jagt Dr. No“ nicht ganz makellos wirkte. Und noch viel früher, nämlich im 17. Jahrhundert, malte Peter Paul Rubens seine „Drei Grazien“ mit Cellulite im fortgeschrittenen Stadium.

„Dass heute der ganz normale Makel zum Problem wird und Menschen immer mehr Energie in Verhaltensmuster investieren, die die vermeintlich entstellenden Merkmale verändern sollen, ist sicherlich ein gesamtgesellschaftliches Thema“, sagt die Ärztin Christa-Maria Höring vom Arbeitskreis für Psychosomatische Dermatologie. Dieser Ehrgeiz wird auch zum Fallstrick für ernstzunehmende Studien an neuen Anti-Cellulite-Mitteln. Solche Studien zu kontrollieren ist nämlich nicht zuletzt deshalb so schwierig, weil Frauen sich sozusagen ständig in Bewegung befinden. Ob die innerhalb einiger Wochen erzielten Veränderungen auf das getestete Produkt oder auf die für gewisse Zeit besonders eisern umgesetzten privaten Diät- und Fitnessabsichten zurückzuführen sind, ist kaum zu überprüfen. Kein Wunder: Die Teilnehmerinnen sind eben auch nur ganz normale Frauen.

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