https://www.faz.net/-gum-97qoa

Cannabis auf Rezept : Wer darf es haben?

  • -Aktualisiert am

Eine Pflanze mit Wirkung: Viele Mediziner sind noch immer unsicher, wie sie mit dem Medikament umgehen sollen. Bild: dpa

Seit einem Jahr gibt es Cannabis auf Rezept. Für manche Patienten ist das ein Segen. Ärzte und Krankenkassen hingegen ringen noch immer mit der Umsetzung dieser neuen Regelung.

          Das Jahr 1996 war für Bernd Eggink kein gutes: Ein bösartiger Knochentumor saß in seiner Hüfte und drückte auf das ganze Becken. Drei Chirurgen hielten den Diplomphysiker mit einer anderthalb Tage dauernden Operation am Leben. Dafür mussten Sie ihm sein rechtes Bein abnehmen, die Prostata entfernen, die Blase und den Darm.

          Wenn Bernd Eggink das Jahr 1996 in seinen Worten zusammenfasst, geht das kürzer: „1996 - anatomischer Umbau zum Monopeden.“ Eggink, heute 73 Jahre alt, hält sich nicht lange mit Trübsal auf. Die Phantomschmerzen, die auf die Eingriffe im Jahr 1996 an der Hüfte folgten und bis heute anhalten, nahmen aber auch irgendwann einen wie ihn mit. „20 Sekunden lang kann ich die Attacken vielleicht ignorieren“, sagt er. „Dann versagt mein sportlicher Ehrgeiz. Es ist unbeschreiblich, es ist die Hölle.“ Eine, gegen die nichts dauerhaft half. Schmerzmittel nicht, Hypnose nicht. Als dann im Frühjahr 2017, mehr als 20 Jahre nach Egginks Krebskrankheit, überall in Deutschland von „Cannabis auf Rezept“ zu lesen war, ging Eggink zu seinem Arzt und sagte: „Alles andere, was es gibt, habe ich doch schon probiert.“ Der Arzt verschrieb ihm Sativex, ein cannabishaltiges Mundspray, das, O-Ton Eggink, „wie Teer aussieht und auch so schmeckt“.

          Für Patienten endet oft jahrelanges Leid

          Heute, ein Jahr und täglich vier bis sechs Sprühstöße später, hat Bernd Eggink seine starken Schmerzmittel ganz absetzen oder zumindest reduzieren können. Schmerzattacken hat er manchmal immer noch. Aber anders als früher kommen diese nicht mehr alle paar Tage, sondern nur noch alle paar Wochen. Eggink profitiert von einer Gesetzesänderung, die seit März 2017 in Kraft ist. Vorher mussten Menschen wie er noch eine Ausnahmegenehmigung beantragen, wollten sie Cannabis auf eigene Rechnung als Arznei nutzen. Seither dürfen Ärzte Cannabis an Schwerkranke nicht nur häufiger verordnen; die Kassen müssen das Mittel in der Regel auch bezahlen. Für Patienten wie Eggink endet damit oft jahrelanges Leid. Doch Ärzte und Krankenkassen ringen weiter um Cannabis - in einem Streit, der an ein paar Grundsätzlichkeiten im Gesundheitswesen rührt.

          Beim Schmerzzentrum am Universitätsklinikum des Saarlandes haben sie neuerdings zwei Ambulanz-Tage in der Woche, in denen es nur um Cannabis geht. „Die Leute rennen uns die Bude ein“, sagt Sven Gottschling, Chefarzt des Zentrums. „Darunter sind auch Menschen, als Patienten getarnt, die sich den Freizeitkonsum legitimieren oder gar bezahlen lassen wollen“, sagt er. Denn Ärzte können neben Medikamenten wie dem Mundspray von Bernd Eggink und Tabletten auch pure Cannabis-Blüten verschreiben - etwas, das Gottschling grundsätzlich nicht macht. Arzneien in Form von Spray oder Tabletten, niedrig dosiert, in jedem Fall unter der Rauschgrenze, reichten medizinisch meistens völlig aus.

          In ausgewählten Fällen eine „hochpotente Therapie“

          So kommt es, dass Gottschlings Cannabis-Standardpatientin eigentlich nichts gemein hat mit den männlichen Mittzwanzigern, die jetzt immer mal wieder bei dem Schmerzmediziner auftauchen: Sie ist älter als 65 Jahre und schwerstkrank. Sie hat einen Tumor, ihr ist übel von der Chemotherapie, oder sie hat Schmerzen. Manchmal hat sie auch eine Spastik, Epilepsie, Angststörungen - Cannabis kann gegen sehr vieles helfen. Die Patientin hat, bevor Gottschling ihr Cannabis verschreibt, schon alles andere durch. Und es kommt nicht selten, vor, dass ihr auch das Hanf nicht hilft. Doch wenn es das tut, dann lindert es großes Leid. „In ausgewählten Fällen ist Cannabis eine hochpotente Therapie“, sagt Gottschling.

          Nun ist das Spezielle an Cannabis: Es ist, abgesehen von zwei Ausnahmen, gar nicht als Medikament zugelassen. Das Mittel darf dennoch auch für andere Diagnosen verordnet werden, der Gesetzesänderung vom Mai 2017 nach nämlich, wenn eine „schwerwiegende Erkrankung“ vorliegt, Behandlungsalternativen ausgeschöpft sind und es „eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht“ auf Besserung mittels Cannabis gibt. Das ist maximal schwammig - und nur so können alle Leiden abgedeckt werden, bei denen Cannabis womöglich hilft. Den Krankenkassen allerdings ist diese neue Schwammigkeit zuwider.

          Denn normalerweise läuft das so: Übersteht ein Medikament alle medizinischen Tests, wird es zugelassen - meist nur für eine genau definierte Krankheit. Ob die Kassen die Kosten eines Medikaments übernehmen, entscheidet sich in einem gesonderten Verfahren. Bei Cannabis liegt die Sache anders, aus zwei Gründen. Da ist erstens die Vielseitigkeit der Pflanze. Allein die rund 1000 Menschen, die vor März 2017 eine Cannabis-Ausnahmegenehmigung hatten, litten an mehr als 50 unterschiedlichen Erkrankungen. Es gibt viele kleine Studien, die brauchbare Hinweise auf die Wirkung von Cannabis liefern - nur hat es die Forschung bislang überfordert, diese tausend Fäden zu Ende zu spinnen.

          Darauf, dass das passiert, auf eine eindeutigere Studienlage also, so argumentieren Cannabis-Befürworter, kann die Gesellschaft aber nicht warten. Zu groß sei das Leid, das mittels Cannabis gelindert werden könne. Politisch relevant werden solche medizinischen Eigenarten wegen der zweiten Besonderheit von Cannabis. Patienten haben, etwas gärtnerisches Geschick vorausgesetzt, direkten Zugang zu dem Mittel. Sie müssen nicht, wie sonst üblich, darauf warten, dass eine Pharmafirma die Arznei bis in die Apotheken bringt. Mit welchem Argument also sollte ein Staat seinen kranken Bürgern ein Mittel verbieten, das theoretisch auf dem eigenen Balkon wächst?

          Was gilt als „schwerwiegende Erkrankung“?

          So hat denn auch das Bundesverwaltungsgericht 2016 zugunsten eines Patienten mit Multipler Sklerose entschieden: Er muss Cannabis selbst anbauen dürfen. Weil es aber gleichzeitig ein medizinischer wie ordnungspolitischer Albtraum ist, dass jeder sich seine Arznei Pi mal grünem Daumen selbst zubereitet, gibt es ebendiese einzigartige Cannabis-Regel im Gesetz. Ein Arzt, der das Medikament verschreiben will, muss einen Antrag bei der Krankenkasse stellen - den diese eigentlich nur in Ausnahmefällen ablehnen darf.

          Die Kassen tun das dennoch, bei der AOK zum Beispiel zu 36 Prozent. Sie rechnen allerdings andersherum: 64 Prozent der Anträge werden positiv beschieden "Das ist hoch für eine Therapie, für die bis heute keine ausreichende Evidenz vorliegt", heißt es vom AOK-Bundesverband. Was ist, so argumentieren die Kassen weiter, eigentlich eine „schwerwiegende Erkrankung“? Und warum müssen wir überhaupt ein nicht zugelassenes Medikament bezahlen? Solche Fragen zeigen, Einigkeit in der Verordnung von Cannabis herrscht nicht.

          Mehr als 7000 Rezepte wurden allein im Oktober 2017 in Deutschland abgerechnet. Das ergeben Zahlen von Iqvia, einem Marktforschungsunternehmen der Gesundheitsbranche. Für wie viele unterschiedliche Patienten diese waren, dazu gibt es noch keine Zahlen, gerechnet worden war aber mit einem deutlich geringeren Bedarf. Der Gesetzgeber ging ursprünglich von knapp 650 Patienten im Jahr aus, andere Schätzungen von 5000.

          „Ich verschreib's Ihnen, aber sagen Sie es nicht weiter“

          In einigen Ecken Deutschlands haben Patienten ein Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes Schwierigkeiten, überhaupt einen Arzt zu finden, der Cannabis gegenüber offen ist. Das liegt, so sieht das Franjo Grotenhermen von der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin, an der Bürokratie, an den mehrseitigen Formularen, mit denen eine Erstattung bei den Kassen vom Arzt beantragt werden muss. Außerdem, so Grotenhermen weiter, haben Ärzte Sorge vor Regressforderungen. Davor also, dass Kassen in einer nachträglichen Wirtschaftlichkeitsprüfung zu dem Schluss kommen, Cannabis habe in diesem oder jedem Fall doch nicht erstattet werden dürfen. Dann müssen Ärzte die Kosten für die Therapie selbst tragen. „Manche sagen Patienten deshalb: Ich verschreib's Ihnen, aber sagen Sie es nicht weiter“, so Grotenhermen.

          Der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zufolge gibt es noch ein weiteres Problem: Cannabis wurde jahrzehntelang nur von ausgewiesenen Spezialisten eingesetzt, viele Mediziner sind sich der Fachgesellschaft nach deshalb unsicher, wie sie mit dem Medikament umgehen sollen. Aber das zumindest soll sich schon in dieser Woche ändern: In Frankfurt will die Gesellschaft auf dem Deutschen Schmerz- und Palliativtag eine eigene Cannabis-Leitlinie vorstellen.

          Weitere Themen

          Die Stunde der Senologen

          Brustkrebs : Die Stunde der Senologen

          Das Medikament Herceptin hat die Brustkrebs-Therapie revolutioniert und ebnet den Weg für die personalisierte und hochspezifische Behandlung der Zukunft.

          Topmeldungen

          Supercomputer Summit von IBM

          KI statt Simulation : Den Superrechnern geht die Luft aus

          Die Leistung von Supercomputern wächst kaum noch. Der Grund ist die fatale Fokussierung auf Künstliche Intelligenz. Numerische Verfahren gelten als „unsexy“.
          Das Faxgerät ist eine schnelle Alternative, wenn die E-Mail aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht genutzt werden kann

          In puncto Datensicherheit : Fax schlägt E-Mail

          Anwälte, Ärzte, Krankenversicherer weigern sich immer häufiger, E-Mails zu verschicken – aus Gründen des Datenschutzes. Das gute alte Faxgerät erlebt ein Comeback.

          Dortmunder Kampfansage : „Wir wollen Barcelona wehtun“

          Für das Champions-League-Duell mit dem FC Barcelona hat sich der BVB einiges vorgenommen. Die Borussia hofft dabei auf ein Fußball-Fest mit Happy End. Doch etwas dürfte die Dortmunder Vorfreude gehörig trüben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.