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Cannabis auf Rezept : Wer darf es haben?

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Denn normalerweise läuft das so: Übersteht ein Medikament alle medizinischen Tests, wird es zugelassen - meist nur für eine genau definierte Krankheit. Ob die Kassen die Kosten eines Medikaments übernehmen, entscheidet sich in einem gesonderten Verfahren. Bei Cannabis liegt die Sache anders, aus zwei Gründen. Da ist erstens die Vielseitigkeit der Pflanze. Allein die rund 1000 Menschen, die vor März 2017 eine Cannabis-Ausnahmegenehmigung hatten, litten an mehr als 50 unterschiedlichen Erkrankungen. Es gibt viele kleine Studien, die brauchbare Hinweise auf die Wirkung von Cannabis liefern - nur hat es die Forschung bislang überfordert, diese tausend Fäden zu Ende zu spinnen.

Darauf, dass das passiert, auf eine eindeutigere Studienlage also, so argumentieren Cannabis-Befürworter, kann die Gesellschaft aber nicht warten. Zu groß sei das Leid, das mittels Cannabis gelindert werden könne. Politisch relevant werden solche medizinischen Eigenarten wegen der zweiten Besonderheit von Cannabis. Patienten haben, etwas gärtnerisches Geschick vorausgesetzt, direkten Zugang zu dem Mittel. Sie müssen nicht, wie sonst üblich, darauf warten, dass eine Pharmafirma die Arznei bis in die Apotheken bringt. Mit welchem Argument also sollte ein Staat seinen kranken Bürgern ein Mittel verbieten, das theoretisch auf dem eigenen Balkon wächst?

Was gilt als „schwerwiegende Erkrankung“?

So hat denn auch das Bundesverwaltungsgericht 2016 zugunsten eines Patienten mit Multipler Sklerose entschieden: Er muss Cannabis selbst anbauen dürfen. Weil es aber gleichzeitig ein medizinischer wie ordnungspolitischer Albtraum ist, dass jeder sich seine Arznei Pi mal grünem Daumen selbst zubereitet, gibt es ebendiese einzigartige Cannabis-Regel im Gesetz. Ein Arzt, der das Medikament verschreiben will, muss einen Antrag bei der Krankenkasse stellen - den diese eigentlich nur in Ausnahmefällen ablehnen darf.

Die Kassen tun das dennoch, bei der AOK zum Beispiel zu 36 Prozent. Sie rechnen allerdings andersherum: 64 Prozent der Anträge werden positiv beschieden "Das ist hoch für eine Therapie, für die bis heute keine ausreichende Evidenz vorliegt", heißt es vom AOK-Bundesverband. Was ist, so argumentieren die Kassen weiter, eigentlich eine „schwerwiegende Erkrankung“? Und warum müssen wir überhaupt ein nicht zugelassenes Medikament bezahlen? Solche Fragen zeigen, Einigkeit in der Verordnung von Cannabis herrscht nicht.

Mehr als 7000 Rezepte wurden allein im Oktober 2017 in Deutschland abgerechnet. Das ergeben Zahlen von Iqvia, einem Marktforschungsunternehmen der Gesundheitsbranche. Für wie viele unterschiedliche Patienten diese waren, dazu gibt es noch keine Zahlen, gerechnet worden war aber mit einem deutlich geringeren Bedarf. Der Gesetzgeber ging ursprünglich von knapp 650 Patienten im Jahr aus, andere Schätzungen von 5000.

„Ich verschreib's Ihnen, aber sagen Sie es nicht weiter“

In einigen Ecken Deutschlands haben Patienten ein Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes Schwierigkeiten, überhaupt einen Arzt zu finden, der Cannabis gegenüber offen ist. Das liegt, so sieht das Franjo Grotenhermen von der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin, an der Bürokratie, an den mehrseitigen Formularen, mit denen eine Erstattung bei den Kassen vom Arzt beantragt werden muss. Außerdem, so Grotenhermen weiter, haben Ärzte Sorge vor Regressforderungen. Davor also, dass Kassen in einer nachträglichen Wirtschaftlichkeitsprüfung zu dem Schluss kommen, Cannabis habe in diesem oder jedem Fall doch nicht erstattet werden dürfen. Dann müssen Ärzte die Kosten für die Therapie selbst tragen. „Manche sagen Patienten deshalb: Ich verschreib's Ihnen, aber sagen Sie es nicht weiter“, so Grotenhermen.

Der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zufolge gibt es noch ein weiteres Problem: Cannabis wurde jahrzehntelang nur von ausgewiesenen Spezialisten eingesetzt, viele Mediziner sind sich der Fachgesellschaft nach deshalb unsicher, wie sie mit dem Medikament umgehen sollen. Aber das zumindest soll sich schon in dieser Woche ändern: In Frankfurt will die Gesellschaft auf dem Deutschen Schmerz- und Palliativtag eine eigene Cannabis-Leitlinie vorstellen.

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