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Cannabis als Schmerzmittel : Gras geben

  • -Aktualisiert am

In Amerika längst Alltag: Marihuana als Arzneimittel Bild: REUTERS

Cannabis ist in Deutschland das mit Abstand am häufigsten konsumierte illegale Rauschmittel. Ein paar hundert Schmerzpatienten dürfen es ganz legal in der Apotheke kaufen. Eine gesunde Psyche ist dafür nicht unbedingt eine Bedingung. Ist das unverantwortlich?

          Die wiedergewonnene Lebensqualität von Dirk Baiersdorf ist krümelig, grün und steckt in vier Plastikdosen: reine, zerkleinerte Blüten, ohne die lästigen Stengel vom Schwarzmarkt, die man nicht rauchen kann und die dort nur die Ware beschweren. Baiersdorf raucht gutes Marihuana aus kontrolliertem Anbau, er hat es aus der Apotheke. Alles geht dabei mit rechten Dingen zu, und doch ist sein wahrer Name ein anderer. Denn das, was er darf, dürfen andere nicht, und seinen Arbeitsplatz will er nicht riskieren.

          Baiersdorf raucht nicht einfach zum Vergnügen. Bis vor kurzem hatte er starke Schmerzen, sie quälten ihn jahrelang. Nach einem Bandscheibenvorfall tat ihm der Rücken weh, nach einem Kapselriss auch der Fuß. Beinahe pausenlos. Manchmal war es so schlimm, dass er nicht schlafen konnte. Das ist Vergangenheit. Sein Heilmittel: täglich drei Gramm Gras, auf drei Joints verteilt. Einen raucht er nach dem Aufstehen, einen nach der Arbeit und einen, bevor er ins Bett geht. „Die meiste Zeit über bin ich komplett schmerzfrei“, sagt er. „Ich fühle mich wie neu geboren.“

          Seine zweite Geburt lässt sich genau datieren: auf den 10. Januar. Tatsächlich ging Baiersdorf zu diesem Zeitpunkt bereits auf die vierzig zu. Aber an jenem Tag vor einem halben Jahr schickte ihm die Bundesopiumstelle einen Brief aus Bonn, zwei Monate hatte er darauf gewartet. Seine Ausnahmegenehmigung. Auf zwei weißen DIN-A4-Blättern, deren einziger Schmuck ein Stempel mit dem Bundesadler ist, steht geschrieben, dass Baiersdorf Cannabisblüten kaufen darf. Alle vier erhältlichen Sorten. In einer bestimmten Apotheke.

          Kann Marihuana Leid lindern?

          Seither ist Baiersdorf einer von bundesweit 231 Patienten, die dazu berechtigt sind. Zuvor hatte er sich einen Arzt gesucht, der ihn bei seinem Antrag unterstützte. Außerdem suchte er Unterlagen zusammen, Papiere zu Diagnosen und Klinikaufenthalten, Bescheide der Krankenversicherung. Das Ziel: die Ärzte und Apotheker in der Bundesopiumstelle davon zu überzeugen, dass die Selbstbehandlung mit Cannabis die beste Therapie für ihn ist. Und davon, dass er alles andere versucht hat. Nur dann hat ein Antrag Aussicht auf Erfolg.

          Anderswo wäre die Sache unkomplizierter - selbst wenn man gar nicht krank wäre. In den Niederlanden zum Beispiel, wo Coffeeshops geduldet sind, in denen man sich mit Gras eindecken kann. In Uruguay, wo ein Gesetz den Bürgern unter anderem zugesteht, je sechs Cannabispflanzen zu ziehen. Oder im amerikanischen Colorado, wo jeder Bewohner des Bundesstaats täglich eine Unze Marihuana kaufen darf - rund 28 Gramm. Aber in Deutschland fällt Cannabis unter das Betäubungsmittelgesetz. Wer sich damit behandeln will, ohne kriminell zu werden, braucht eine Erlaubnis.

          Meist sind es Schmerzpatienten, die sie bekommen. Risiken und Nebenwirkungen sind auch bei ihnen ein Thema: Es gefällt schließlich nicht jedem, ständig ein bisschen neben der Spur zu sein, vergesslich, womöglich auch träge oder gar abhängig. Aber anders als bei der Debatte um die allgemeine Legalisierung ist hier nicht die Frage, ob es gesünder wäre, auf das Kiffen ganz zu verzichten. Bei denen, die schon krank sind, lautet die Frage vielmehr, ob Marihuana ihr Leid lindern kann und ob die Nebenwirkungen eher annehmbar sind als bei gängigeren Medikamenten. Eine Abwägung, die Ärzte mit den Patienten im Einzelfall vornehmen. „Cannabinoide sind kein Allheilmittel, aber sie werden zu Unrecht verunglimpft“, resümiert Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin.

          Cannabis kann Wirkung der Opiate verstärken

          Dass Cannabis überhaupt wirken kann, erklären Wissenschaftler mit dem sogenannten Endocannabinoidsystem. Endocannabinoide sind körpereigene Stoffe, die von Nervenzellen produziert werden, um Impulse im neuronalen Netzwerk zu verarbeiten. Dazu gehört, Schmerz zu kontrollieren und Appetit anzuregen - beides Aspekte, für die sich Mediziner interessieren. Es gibt zwei Arten von passenden Rezeptoren für diese Stoffe, sie sitzen vor allem im Gehirn und im Rückenmark, und es gibt viele von ihnen im Körper. An ihnen docken allerdings nicht nur die körpereigenen Wirkstoffe an, sondern auch die von außen zugeführten. Das heißt, man muss keine Kräuter inhalieren, damit das System funktioniert. Aber wo mehr andockt, da ist auch mehr Wirkung.

          Schmerzbehandlung spielt natürlich bei vielen Therapien eine Rolle. Zum Beispiel bei Krebs: „Wenn Opiate als Schmerzmittel nicht reichen, kann man ihre Dosis nicht einfach erhöhen“, berichtet Müller-Schwefe. „Denn dann bekämen viele Patienten eine Darmlähmung oder würden apathisch.“ Eine Studie habe gezeigt, dass Cannabis in solchen Fällen die Wirkung der Opiate verstärken könne, ohne dass die Nebenwirkungen zunähmen. Auch als alleiniges Schmerzmittel verschafft Cannabis vielen Menschen dauerhaft Erleichterung. So helfe es oft bei schmerzhaften Spastiken, wie sie zum Beispiel bei multipler Sklerose auftreten können. Es lindere Beschwerden vieler Fibromyalgie-Patienten, deren Muskeln oder Gelenke schmerzen.

          Die Liste ließe sich fortsetzen. Am besten belegt hat die Wissenschaft die Wirkung von Cannabis auf multiple Sklerose. Bei vielen anderen Krankheiten gibt es Berichte, die eine günstige Wirkung von Marihuana nahelegen. Aber großangelegte Studien fehlen bisher.

          Forscher rät zur Vorsicht

          Welche Krankheiten haben nun die Patienten, bei denen die Ärzte der Bundesopiumstelle Cannabis für das geeignete Mittel halten? Aktuelle Daten sind von der Behörde nicht zu bekommen. Sie verweist auf Zahlenmaterial aus dem Jahr 2010. Damals gab es nur einen Bruchteil der heutigen Ausnahmen. Vergeben wurden sie hauptsächlich wegen chronischer Schmerzen und multipler Sklerose, in selteneren Fällen auch zur Behandlung psychischer Leiden wie der Aufmerksamkeitsdefizitstörung ADHS. Und das, obwohl man immer wieder hört, dass Kiffen nichts sei für eine angegriffene Psyche.

          Der Patient Dirk Baiersdorf würde das anders sehen. Denn er leidet nicht nur unter chronischen Schmerzen, auch eine ADHS-Erkrankung wird bei ihm vermutet. Er sagt, auch da helfe Cannabis. „Einen Gedanken aufgreifen und zu Ende denken, das ging vorher nicht“, erzählt er. Weil er immer so impulsiv gewesen sei und sowieso viel zu nervös. Das sei nun anders, er sei ruhig und konzentriert, und er mache beim Reden auch mal eine Pause.

          Es gibt viele Geschichten wie die seine. Und doch bleiben Fachleute skeptisch: „Bei ADHS kann Cannabis in Einzelfällen vertretbar sein, wenn der behandelnde Arzt den Patienten entsprechend betreut. Zur Standardmedikation taugt es sicherlich nicht“, sagt Walter Zieglgänsberger. Auch nach seiner Emeritierung forscht er am Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie zu Cannabinoiden, als Sachverständiger berät er außerdem auch die Bundesopiumstelle.

          „Cannabis enthält zahlreiche Wirkstoffe und kann als wirksames Medikament genutzt werden, wir reden hier nicht von Smarties“, warnt Zieglgänsberger. Psychische Gesundheit für eine Behandlung mit Cannabis vorauszusetzen, das hält er dennoch für keine gute Idee. Denn dann käme es als Medikament praktisch für niemanden mehr in Frage: „Jeder mit einer chronischen Krankheit wird früher oder später ängstlich und depressiv.“ Umso wichtiger sei es, den Teufelskreis zu durchbrechen: „Erst wenn die Behandlung hilft, die Patienten weniger Schmerzen haben, lassen die schlechten Gefühle auch wieder nach“, erklärt er.

          Zieglgänsberger rät zur Vorsicht, wenn jemand Symptome einer bipolaren Störung oder der Schizophrenie zeigt oder eine entsprechende Veranlagung zu vermuten ist. Er kennt die Studien, die einen Zusammenhang zwischen Schizophrenie und dem Gras-Rauchen belegen. Allerdings glaubt er nicht, dass Marihuana zwangsläufig psychische Krankheiten auslöst: „Wir wissen, dass der Cannabis-Konsum in der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen hat. Die Rate von Schizophrenien ist aber im gleichen Zeitraum weitgehend unverändert geblieben.“

          Mäuse-Experiment bringt Erkenntnis

          Damit nicht genug, der Neurowissenschaftler geht noch einen Schritt weiter. Er hält sogar die Ansicht für plausibel, dass Marihuana-Konsum vor manch einer Erkrankung schützt: weil Depressionen, bipolare Störungen und Schizophrenie oft durch Stress ausgelöst werden. „Cannabis reduziert nachweislich die Auswirkungen von Stress auf das Nervensystem. Das spricht dafür, dass der Konsum das Erkrankungsrisiko eher senkt als steigert.“

          Vieles ist eben noch nicht abschließend erforscht. Dazu gehört auch die Vermutung, dass Gras Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung hilft. Sie leiden unter Unruhe, Angstzuständen oder Flashbacks - ausgelöst durch ein schweres Trauma, Erfahrungen mit Krieg, Missbrauch oder Gewalt. Die Frage ist, ob Cannabis dazu beitragen kann, dass man sich aus dem Würgegriff belastender Erinnerungen befreien kann.

          Bei einem Versuch mit Mäusen konnten Münchener Wissenschaftler um Zieglgänsberger vor einigen Jahren nachweisen, dass das Cannabinoidsystem darüber entscheidet, ob die Tiere umlernen können oder nicht. Bei dem Experiment war eine der beiden Mäusegruppen genetisch manipuliert, so dass ihnen entsprechende Cannabinoid-Rezeptoren fehlten. Beiden Gruppen wurde immer wieder ein Ton vorgespielt, gleichzeitig bekamen sie einen leichten elektrischen Schlag. Dann ließen die Forscher den Schlag weg. Der Ton reichte, um die Mäuse beider Gruppen zusammenzucken zu lassen. Nach einiger Zeit jedoch änderten die Mäuse aus nur einer Gruppe ihr Verhalten. Wenn der Ton erklang, zuckten sie nicht mehr zusammen. Das war die Gruppe von Mäusen mit intaktem Cannabinoidsystem. Sie hatten sich auf die neue Situation eingestellt - und die frühere unangenehme Erfahrung offenbar vergessen.

          Auch wenn die Wissenschaft noch nicht bewiesen hat, ob auch künstlich zugeführte Cannabinoide die Lernfähigkeit des Menschen verbessern oder ihn lediglich ruhigstellen: Manch einer schwört darauf. Zu ihnen gehört Moritz Seeburger, und auch er heißt im wahren Leben anders. Der gelernte Altenpfleger ist seit einem Arbeitsunfall Schmerzpatient, zudem hat er eine posttraumatische Belastungsstörung. Immer wieder, sagt er, holen ihn Erlebnisse ein, die mehr als zwei Jahrzehnte zurückliegen: „Jede Nacht habe ich die Schläge wieder vor Augen.“ Cannabis hat er für sich schon vor vielen Jahren entdeckt, erst neuerdings bezieht er es aus der Apotheke. Wenn er es in schwer erträglichen Momenten raucht, schlägt sein Herz wieder langsamer, er hört auf zu schwitzen, und die schrecklichen Bilder verschwinden. „Es ist sanft für Kopf und Gedanken“, sagt er. „Wenn ich einen Psycho-Schub habe, dann holt es mich runter.“

          Das bedeutet vermutlich dasselbe, was auch Walter Zieglgänsberger meint, wenn er sein Experiment mit den Mäusen kommentiert. Auch wenn es natürlich ganz anders klingt, wenn der Wissenschaftler aus der Operette „Die Fledermaus“ zitiert: „Glücklich ist, wer vergisst.“

          Kein Marihuana auf Rezept

          Patienten müssen die Kosten für die Behandlung mit Marihuana in der Regel selbst tragen. Ein Gramm Medizinal-Blüten kostet zwischen 15 und 25 Euro. Für Patienten wie „Dirk Baiersdorf“ in unserem Text summieren sich die monatlichen Kosten auf 1200 Euro. Weil Cannabis kein Medikament ist, kann es eigentlich nicht auf Rezept verschrieben werden. Allerdings sind in Deutschland drei Fertigarzneimittel auf Cannabis-Basis verschreibungsfähig. Eines von ihnen ist „Sativex“; bei Spastiken im Rahmen einer multiplen Sklerose wird es über die gesetzlichen Kassen abgerechnet.

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