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Modellprojekt in Frankfurt : Brauchen wir Krankenschwestern an allen Schulen?

Schmerzen lindern: Karen Kreutz-Dombrofski versorgt einen Schüler mit Pflastern und guten Worten. Bild: Helmut Fricke

Zu Karen Kreutz-Dombrofski kommen nicht nur Schüler mit Kopfweh und kleinen Wunden, sondern auch mit Seelenleid und leeren Mägen. Sind Schul-Krankenschwestern die Zukunft? Oder schieben Politik, Lehrer und Eltern die Verantwortung ab?

          9 Min.

          Dienstag Vormittag, 9.40 Uhr. Große Pause an der Ernst-Reuter-Schule II in Frankfurt. Vor dem Raum D133 hat sich eine Schlange gebildet. Ungeduldig klopfen die Schüler gegen die Tür. Karen Kreutz-Dombrofski streckt den Kopf hinaus und sagt in einer Stimmlage, die sofort deutlich macht, dass diese Frau so schnell nichts aus der Ruhe bringt: „Einen kleinen Moment Geduld bitte noch, ihr Lieben.“

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Ernst-Reuter-Schule II ist eine integrierte Gesamtschule in der Frankfurter Nordweststadt, einem sozial durchmischten Stadtteil. In der Pausenhalle vor dem Raum von Kreutz-Dombrofski wuseln Schüler unterschiedlicher Nationalitäten herum. Viele tragen Jogginghose zu Markenturnschuhen. Kapuzenpulli zum neusten iPhone. Rucksäcke liegen auf dem Boden. Es wird gebrüllt, geschubst, getuschelt und beim Blick in die Fensterscheibe kontrolliert, ob der Haardutt auch noch genauso hübsch wie heute Morgen vor dem Badezimmerspiegel sitzt. Man gibt sich cool. Halbstarker trifft auf Girlie.

          Würde man von dieser Szenerie ein Foto machen und fragen, was die Schüler denn im Raum von Karen Kreutz-Dombrofski so dringend möchten, würde die Antwort wohl überraschen. Karen Kreutz-Dombrofski ist Schulgesundheitsfachkraft. So die offizielle Bezeichnung. Anschaulicher, und gegen diesen Begriff hat Kreutz-Dombrofski auch nichts, ist Schulkrankenschwester.

          An diesem Vormittag, um mittlerweile 10.10 Uhr, waren schon rund 15 Schüler bei ihr. Bis zur Mittagszeit werden es um die 30 Kinder gewesen sein. Am Nachmittag etwa 45 – und dieser Dienstag ist kein Ausnahmetag. An der Schule mit rund 1200 Kindern findet kein Sportfest statt, bei dem sich Kinder am laufenden Band Knöchel verstauchen. Es ist kein besonderer Werkunterricht, in dem Schnittwunden drohen. Die Kinder kommen mit Bauch- und Kopfschmerzen, mit angestoßenen Ellenbogen und Knien, mit Leid, das nur auf den ersten Blick den Körper betrifft und eigentlich von der Seele herrührt.

          Der Andrang ist nach den großen Pausen groß

          Kaum hat Kreutz-Dombrofski die schwere Tür hinter sich geschlossen, klopft es wieder. Wie im Taubenschlag bitten Schüler um ein Pflaster, einen Eisbeutel, einen Moment Ruhe oder einen Rat. Weil der Andrang gerade nach den großen Pausen besonders groß ist, behandelt Kreutz-Dombrofski manchmal zwei Schüler gleichzeitig, einen vor dem Paravent und einen dahinter. In dem liebevoll dekorierten Schulraum hängen Tim-und-Struppi-Bilder an der Wand. Kreutz-Dombrofskis herzliche Stimme durchdringt das schmale Zimmer. Auf dem Tisch stehen Wasser, Gläser und Igelbälle. Es fühlt sich wohlig an im Raum D133.

          Im Moment sitzt Ella (Namen aller Schüler geändert) dort am Tisch. Sie hat Bauchschmerzen, ist blass um die Nase. Kreutz-Dombrofski hat sie kurz untersucht, den Bauch gefühlt, Fieber gemessen, geschaut, dass nichts Ernstes dahintersteckt. Dann hat sie ihr ein paar Salzbrezeln hingestellt und ein Glas Tee. Ob sie heute Morgen schon etwas gegessen habe, fragt sie. Das Mädchen schüttelt den Kopf.

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