https://www.faz.net/-gum-a2f6w

Nach Vergewaltigung : Brasilien streitet über die Abtreibung bei einer Zehnjährigen

Familienministerin Damares Alves ist auch dann gegen Abtreibungen, wenn die betroffene Frau vergewaltigt wurde. Bild: Picture-Alliance

In Brasilien ist eine Abtreibung nur erlaubt, wenn die Betroffene vergewaltigt wurde oder ihr Leben durch die Schwangerschaft gefährdet wird. Im Fall einer Zehnjährigen trifft beides zu – er wurde trotzdem zum Politikum.

          2 Min.

          Als ein Krankenhaus in der brasilianischen Kleinstadt São Mateus vor einer Woche ein zehnjähriges Mädchen aufnahm, das über verschiedene Beschwerden klagte, war die Diagnose rasch gestellt. Das Mädchen war schwanger, offenbar schon im fünften Monat. Noch gravierender: Die Schwangerschaft war das Ergebnis einer Vergewaltigung durch ihren Onkel. Das Mädchen gab an, dass er sie sexuell missbraucht habe, seit sie sechs Jahre alt war. Der Mann ist auf der Flucht.

          Tjerk Brühwiller

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Schwangerschaftsabbrüche sind in Brasilien verboten. Im Fall des Mädchens gelten aber zwei Ausnahmen: Opfern von Vergewaltigungen darf der Eingriff nicht verweigert werden, und eine Abtreibung ist straffrei, wenn die Fortsetzung der Schwangerschaft das Leben der Mutter gefährdet. Auch Letzteres trifft auf das Mädchen zu. Fachleute wiesen darauf hin, dass es in ihrem Alter nicht gebärfähig und eine Fortsetzung der Schwangerschaft lebensgefährlich sei. Das Mädchen sowie seine Großmutter, die es betreut, haben in den Eingriff eingewilligt.

          Trotz der klaren Gesetzeslage wurde der Eingriff im Bundesstaat Espírito Santo nicht durchgeführt. Die dortigen Krankenhäuser gaben fehlende technische Kapazitäten an. Daraufhin wurde angeboten, den Eingriff in der Stadt Recife im Nordosten Brasiliens durchführen zu lassen, in einem Krankenhaus, das jährlich rund 40 solcher Fälle behandelt. Obwohl es sich nicht um illegale Abtreibungen handelt, werden die Fälle zum Schutz der Opfer mit äußerster Diskretion behandelt.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Sichern Sie sich alle aktuellen Informationen und Hintergründe zur Präsidentenwahl

          Jetzt F+ für nur 1€/Woche lesen

          Doch der Fall des zehnjährigen Mädchens entwickelte sich zum Politikum, nachdem er an die Öffentlichkeit getragen wurde. Mitverantwortlich für das große Echo war auch die brasilianische Ministerin für Frauen, Familie und Menschenrechte, Damares Alves. Sie publizierte den Fall auf ihrer Facebook-Seite und drückte ihren Unmut über das Urteil der Justiz aus, die den Eingriff genehmigt hatte. Die Anführerin einer rechtsextremen Gruppe ging noch weiter und veröffentlichte den Namen und den Wohnort des Mädchens. Inzwischen hat die Justiz angeordnet, dass Twitter, Facebook und Youtube alle Beiträge löschen müssen, die persönliche Informationen über das Opfer enthalten.

          Einfluss der katholischen Kirche

          Als das Mädchen am Wochenende mit ihrer Großmutter auf den Eingriff wartete, versammelten sich vor dem Krankenhaus in Recife religiöse Gruppen von Abtreibungsgegnern. Sie bildeten eine Menschenkette und beschimpften den Direktor des Krankenhauses als Mörder. Die Polizei musste eingreifen, als einige Personen versuchten, ins Krankenhaus einzudringen. Die Abtreibungsgegner wurden von mehreren Politikern aus kirchennahen Kreisen unterstützt. In den sozialen Netzwerken entwickelten sich heftige Debatten über den Fall. Radikale Abtreibungsgegner gingen so weit, an der Darstellung des Mädchens zu zweifeln und es als Täterin anstatt als Opfer zu beschreiben.

          Das Thema Schwangerschaftsabbruch ist äußerst heikel in Brasilien. Eine Legalisierung über die bestehenden Ausnahmesituationen hinaus ist in Brasilien – wie auch in anderen Ländern Lateinamerikas – politisch kaum durchsetzbar. Das politische Gewicht der katholischen Kirche und der aufstrebenden und wertkonservativen evangelikalen Freikirchen ist groß. Der Fall des zehnjährigen Mädchens hat jedoch noch eine andere Debatte ausgelöst: Mehr als die Hälfte der jährlich rund 66.000 Vergewaltigungen in Brasilien betreffen Mädchen unter 13 Jahren. Statistisch werden jede Stunde vier Mädchen vergewaltigt. In den meisten Fällen handelt es sich bei dem Täter um ein Familienmitglied.

          Weitere Themen

          Prozess gegen iranische Schleuserbande

          Landgericht Düsseldorf : Prozess gegen iranische Schleuserbande

          Der Kopf einer iranischen Schleuserbande steht zurzeit vor dem Düsseldorfer Landgericht. Sie sollen maßgeschneiderte Pakete verkauft haben – von der Visa-Beschaffung über Flughafen-Transfer bis zur Beratung für das Asylverfahren.

          Topmeldungen

          Angela Merkel mit Markus Söder und Michael Müller (im Vordergrund)

          Neue Corona-Beschlüsse : Der zweite Lockdown, der keiner ist

          Dieses Mal folgen die Länder dem harten Kurs der Kanzlerin. Auch wer das ablehnt, kann nicht wollen, was ohne Beschränkungen droht: ein Kontrollverlust, der über das Gesundheitswesen hinausgeht.
          Ein spätes Tor und drei Punkte: BVB-Profi Erling Haaland beim Spiel gegen St. Petersburg

          Champions League : Fast der nächste Rückschlag für den BVB

          Nach dem missglückten Start in die Champions League wendet die Borussia einen weiteren empfindlichen Dämpfer spät ab. Weil der BVB gegen St. Petersburg erst ein Elfmeter bekommt – und Torjäger Haaland am Ende doch noch trifft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.