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Geburten in Brasilien : Die Mär vom schmerzfreien Kaiserschnitt

  • -Aktualisiert am

Wie kommt das Kind am besten aus dem Bauch? Diese Frage beschäftigt viele Schwangere Bild: Picture-Alliance

Mehr als die Hälfte aller brasilianischen Kinder kommen durch einen Kaiserschnitt zur Welt. Er gilt dort als sicher, sauber und sogar schmerzfrei – zumindest bei Erstgebärenden. Die Regierung in Brasília will dieser Entwicklung Einhalt gebieten.

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          Nach einer Verordnung, die vom brasilianischen Gesundheitsministerium vorgelegt wurde, müssen Ärzte und Krankenhäuser künftig spätestens 15 Tage nach einer Entbindung durch Kaiserschnitt den Krankenkassen und den Gesundheitsbehörden triftige Gründe für die Notwendigkeit des chirurgischen Eingriffs vorlegen. Vor der Entbindung müssen Schwangere auf die Risiken einer Kaiserschnittgeburt für Mutter und Säugling hingewiesen werden. Ein Verstoß gegen die Verordnung, die Mitte 2015 in Kraft tritt, wird mit einer Geldstrafe von umgerechnet bis zu rund 7900 Euro geahndet.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          In Brasilien kommen rund 56 Prozent der Neugeborenen per Kaiserschnitt zur Welt, so viel wie in keinem anderen Land. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, dass allenfalls zehn bis 15 Prozent der Kinder per Kaiserschnitt entbunden werden – nur dann, wenn wegen Gefahr für Gesundheit oder gar Leben von Mutter oder Leibesfrucht eine natürliche Spontangeburt nicht in Frage kommt. In Deutschland liegt die Quote der Schnittentbindungen bei 29, in den Vereinigten Staaten bei 32 Prozent.

          Natürliche Spontangeburt als Norm

          Der brasilianische Gesundheitsminister Arthur Chioro beklagte bei der Vorstellung der Verordnung, Brasilien sei von einer „Kaiserschnitt-Epidemie“ ergriffen worden. Besorgniserregend ist der Umstand, dass in Privatkliniken fast neun von zehn Kindern per Kaiserschnitt zur Welt kommen. In den Krankenhäusern des öffentlichen Gesundheitswesens liegt die Quote bei 40 Prozent.

          „Wir können die Kaiserschnitt-Epidemie in unserem Land nicht hinnehmen, sondern müssen ihr als Problem der Volksgesundheit begegnen“, forderte Chioro. Als Norm müsse die natürliche Spontangeburt gelten, nicht der operative Eingriff. „Wir können nicht akzeptieren, dass immer mehr Kaiserschnittgeburten aus Bequemlichkeit oder wegen der gewachsenen Kaufkraft vorgenommen werden“, sagte der Minister.

          Laut Ministerium ist das Todesrisiko für die Mutter bei einem Kaiserschnitt drei Mal höher als bei einer Spontangeburt, während bei den Säuglingen wegen des Eingriffs die Zahl der Atemwegserkrankungen in die Höhe schnellt. Viele Kaiserschnitte werden schon während der 37. und 38. Schwangerschaftswoche vorgenommen, ohne dass zuvor die natürlich Wehen eingesetzt hätten. Viele Kaiserschnitt-Babys kommen nach der Geburt in den Brutkasten statt in die Arme der Mutter, weil ihnen wertvolle Tage oder gar Wochen der weiteren Entwicklung im Mutterleib fehlen.

          Kaiserschnitt als chirurgisches Statussymbol

          In Brasilien ist der Mythos weit verbreitet, der Kaiserschnitt sei die sicherste Art der Entbindung; er gilt als „modern“ und „sauber“. Zudem wird in der Oberschicht wie auch in der aufstrebenden Mittelschicht der Kaiserschnitt – vergleichbar kosmetischen Operationen zur Vergrößerung von Brust oder Gesäß – als eine Art chirurgisches Statussymbol betrachtet, auf das man angesichts des allgemeinen Körperkults im Land nicht verzichten kann. Auch die Angst vor den Wehen spielt eine Rolle, denn der Kaiserschnitt gilt irrigerweise als schmerzfrei.

          Schließlich üben die Ärzte und das medizinische Personal der brasilianischen „Geburtsindustrie“ großen Druck auf werdende Mütter aus. Während der Kaiserschnitt den Zwängen der Personalplanung einer Klinik unterworfen werden kann, folgt die Spontangeburt dem Rhythmus der Natur, der Mutter und Kind am meisten zuträglich ist.

          Nach Medienberichten haben Krankenhäuser sogleich Kritik an der Neuregelung geübt. Demnach erschweren die nicht planbaren Spontangeburten die Abläufe in den Kliniken, weil mehr Betten für die Wöchnerinnen vorhanden sein müssten. Bei natürlichen Geburten müssten Ärzte im Durchschnitt zwölf Stunden bereitstehen, während ein Kaiserschnitt in drei Stunden zu erledigen sei. In manchen Krankenhäusern berechneten Ärzte für Spontangeburten schon jetzt Sondertarife von umgerechnet bis zu 1000 Euro zusätzlich, die nicht von den Krankenkassen getragen würden.

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