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Bore-Out-Syndrom : „Langeweile ist kein schickes Leiden“

  • Aktualisiert am

Wolfgang Merkle Bild: Archiv

Miriam Meckels Burn-Out-Syndrom ist seit Wochen Thema in den Medien. Doch nicht nur wer zu viel Arbeit hat, kann krank werden: Der Psychotherapeut Wolfgang Merkle über das Bore-Out-Syndrom, den kleinen Bruder des Burn-Out-Syndroms.

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          Herr Merkle, Burn-Out kennt jeder. Das Bore-Out-Syndrom ist nicht so bekannt. Klingt auch erst mal absurd: Stress durch Langeweile, wie soll das denn gehen?

          Das entsteht, weil jeder diesen Anspruch in sich hat: Er muss etwas leisten, damit er Anerkennung kriegt. Und nun hat er eigentlich nichts zu leisten, was ihn wirklich fordert, und das ist schlimm. Das ist gar nicht so selten - nicht nur bei Arbeitslosen, sondern auch bei Angestellten, in deren Unternehmen die Arbeit ungleich verteilt ist oder so verteilt ist, dass jemand unterfordert ist. Zum Beispiel, weil es gerade eine Auftragsmisere gibt und jeder sich unersetzlich machen will. Oder weil jemand überqualifiziert an einer Stelle hockt, die ihm gar nicht entspricht, weil er sehr viel mehr leisten könnte.

          Woran merke ich, dass ich ein Bore-Out habe?

          Das Überraschende ist: Die Symptome sind gar nicht so anders als beim Burn-Out, oft sind es sogar genau dieselben Stress-Symptome wie Schlaflosigkeit, Tinnitus, Magenschmerzen, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Muskelzucken - Dinge, die darauf hinweisen, dass eine Überreiztheit da ist.

          Miriam Meckel hat ein Buch über ihren Burnout geschrieben

          Warum sind die Leute überreizt? Sie könnten im Büro doch einfach die Füße hochlegen.

          Stellen Sie sich vor, Sie haben in Ihrer Redaktion nichts zu tun und ziehen die Skatkarten heraus - das macht keinen guten Eindruck. Wenn Sie dagegen den Anschein erwecken, ganz eifrig im Internet zu recherchieren, obwohl Sie gerade noch ein Kuchenrezept angeguckt haben, dann sieht das allemal besser aus.

          Also der Stress entsteht auch durch Vertuschen.

          Genau. Weil man die Misere nicht zeigen will. Aber der Stress kommt schon auch von außen. Zum Teil entsteht Bore-Out, weil jemand gemobbt werden soll, indem man ihm zum Beispiel etwas zum Überprüfen gibt, was er schon fünfmal überprüft hat und wo es keine Fehler mehr zu finden gibt, um ihn absichtlich mit Unterforderung in Stress zu bringen.

          Warum ist das Syndrom noch so unbekannt?

          Das hat damit zu tun, dass jeder lieber Störungen hat, die sozial angesehen sind. Jemand, der erzählt: "Ich habe so viel zu tun, mein Gott, mir kracht die Bude zusammen vor Arbeit", ist sehr viel angesehener als jemand, der sagt, er langweilt sich, hat keine Aufgaben, und das macht ihn fertig. Da sagt doch jeder: "Mit dir möchte ich tauschen, das ist ja super!" Unterforderung ist nicht so ein schickes Leiden wie Überforderung.

          Wie erkennen Sie, dass jemand betroffen ist?

          Sehr viele Menschen kommen zu uns mit dem Symptom des Burn-Out und benennen das auch so: Ich bin überfordert, ich bin ausgebrannt. Es ist keine Schande, damit zu kommen. Aber sehr wenige Menschen kommen mit der Aussage: Ich langweile mich zu Tode. Das erfährt man erst, wenn man hinter den Symptomen das soziale Gefüge erfasst - wenn jemand ganz verschämt erzählt, wie er sich am Arbeitsplatz herumdrückt und immer Angst hat, dass auffällt, dass er eigentlich überflüssig ist.

          Es könnte also sein, dass Hausärzte das Bore-Out-Syndrom oft gar nicht erkennen?

          Das glaube ich auf jeden Fall. Das bedarf einer Vertrauenssituation zwischen dem Patienten und dem Arzt und einer bestimmten Form der Nachfrage, das zu erschließen. Wobei das Bore-Out-Syndrom nichts Unbewusstes ist: Die meisten spüren schon, dass ihre Arbeitssituation sie belastet.

          Haben Sie schon mal jemanden krankgeschrieben deswegen?

          Wir haben wegen der Symptome, zu denen das Bore-Out geführt hat, schon Leute in die Klinik aufgenommen.

          Eher Männer oder eher Frauen?

          Männer sind für Stress-Phänomene insgesamt anfälliger. Beim Bore-Out-Syndrom sehe ich aber ein gewisses Übergewicht bei Frauen. Ich glaube, dass Frauen sich noch schwerer tun, wenn sie keine Leistung erbringen und andere das sehen. Ich will aber nicht ausschließen, dass dieser Eindruck entsteht, weil mehr Frauen dann auch psychosomatische Hilfe suchen.

          Welche Berufsgruppen sind besonders anfällig?

          Die Verwaltungsberufe, wo Leerläufe entstanden sind durch Rationalisierungen oder Software-Fortschritte. Ein Selbständiger hat dagegen selten ein Bore-Out.

          Ist das Syndrom durch die Krise auf dem Arbeitsmarkt seltener geworden?

          Im Gegenteil. Die Verdichtung führt dazu, dass in der Wirtschaftskrise genau geschaut wird: Welchen Arbeitsplatz kann man wegrationalisieren? Es ist also ein größerer Druck entstanden, die Notwendigkeit seines eigenen Arbeitsplatzes unter Beweis zu stellen - und trotz Langeweile nicht acht, sondern zehn Stunden dazubleiben.

          Gibt es Zahlen?

          Bore-Out ist ein Begriff, der erst in den vergangenen Jahren geprägt worden ist, da wäre es verfrüht, Zahlen zu nennen. Es gibt aber Untersuchungen, die herausgefunden haben, dass 40 Prozent der Angestellten in Amerika sich unterfordert fühlen. Aber ob man da schon von einer Krankheit spricht, ist eine andere Frage.

          Und wie holen Sie Ihre Bore-Out-Patienten da wieder heraus?

          Mit psychotherapeutischen Gesprächen, eventuell auch mit Körpertherapie: autogenem Training, Qi Gong, Atemtherapie.

          Was für Tipps geben Sie, was man an der Situation ändern kann?

          Der Patient muss sich fragen: Gibt es Qualifikationsmöglichkeiten, die mich in eine andere Position bringen? Sollte ich mal mit dem Betriebsrat reden? Oder geht es einfach darum, noch ein paar Monate zu überstehen, bis wieder mehr zu erwarten ist - ein neuer Chef, eine bessere Auftragslage? Da müsste der Betroffene bloß ein bisschen gnädiger mit sich umgehen in der Krise. Insgesamt ist es wichtig, an der Haltung des Betroffenen zu arbeiten. Anders als BurnOut-Patienten müssen viele erst lernen, dass sie selbst etwas ändern können, nicht nur Opfer sind.

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