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Impfstart in Deutschland : Biontech-Impfstoff soll in nächsten fünf Tagen ausgeliefert werden

  • Aktualisiert am

Biontech-Chef Ugur Sahin Bild: dpa

Der Biontech-Chef rechnet damit, dass der Impfstoff auch gegen die neue Coronavirus-Mutation wirkt. Das Vakzin soll innerhalb der kommenden Tage in der EU ausgeliefert werden. Die Bundesregierung schränkt derweil den Reiseverkehr mit Großbritannien und Südafrika ein.

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          Biontech-Chef Ugur Sahin zeigt sich zuversichtlich, dass der Corona-Impfstoff seines Unternehmens auch gegen die neue Mutation des Virus wirkt, die unter anderem in Großbritannien festgestellt wurde. Aus wissenschaftlicher Sicht sei die Wahrscheinlichkeit dafür hoch, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. „Wir haben den Impfstoff bereits gegen circa zwanzig andere Virusvarianten mit anderen Mutationen getestet. Die Immunantwort, die durch unseren Impfstoff hervorgerufen wurde, hat stets alle Virusformen inaktiviert.“

          Das Virus sei jetzt etwas stärker mutiert, sagte Sahin. „Wir müssen das jetzt experimentell testen. Das wird etwa zwei Wochen in Anspruch nehmen. Wir sind aber zuversichtlich, dass der Wirkungsmechanismus dadurch nicht signifikant beeinträchtigt wird.“ Technisch sei man theoretisch in der Lage, innerhalb von sechs Wochen ein neues Vakzin zu entwickeln gegen die neue Virusvariante, sofern sich der derzeitige Impfstoff doch als unwirksam erweisen sollte. Über die tatsächliche Verfügbarkeit entschieden aber die Behörden.

          Rückkehr zu einem mehr oder weniger normalen Leben

          Sahin betonte am Dienstag in einer Pressekonferenz, dass eine Impfquote von 60 bis 70 Prozent ein mehr oder weniger normales Leben ermöglichen werde. Wenn das Virus effizienter werde, könnte allerdings auch eine höhere Quote erforderlich werden.

          In Deutschland und in den übrigen EU-Ländern soll die Auslieferung innerhalb der kommenden fünf Tage erfolgen. Bislang stammen die produzierten Impfdosen allesamt aus dem belgischen Puurs. Am Standort Marburg könne man nach Angaben von Biontech im Februar mit der Impfstoffproduktion beginnen. Wie das Unternehmen weiter mitteilte, soll es hierzulande 25 Verteilzentren in 294 Bezirken geben. Geplant sind 450 Impfzentren sowie 100 mobile Impfstationen. Biontech gibt an, im Vorfeld ausführlich mit Behördenvertretern gesprochen und rund 1100 Fragen diskutiert zu haben.

          Das Antigen, das das Mainzer Unternehmen und sein amerikanischer Partner Pfizer für den Impfstoff nutzen, besteht laut Biontech-Chef Sahin aus mehr als 1270 Aminosäuren. Davon seien jetzt neun mutiert, also noch nicht einmal ein Prozent. „Unser Impfstoff sieht das ganze Protein und bewirkt multiple Immunantworten. Dadurch haben wir so viele Andockstellen, dass das Virus schwer entkommen kann. Das bedeutet aber nicht, dass die neue Variante harmlos ist.“ Der Biontech-Impfstoff auf Basis des Botenmoleküls mRNA könne prinzipiell schnell an neue Varianten angepasst werden.

          Wegen der neuen Variante des Krankheitserregers schränkt die Bundesregierung den Reiseverkehr aus Großbritannien und Südafrika weiter ein. Die Passagierbeförderung von dort per Flugzeug, Schiff, Bahn oder Bus nach Deutschland ist Transportunternehmen von diesem Dienstag an weitgehend verboten, wie eine am Montag im Bundesanzeiger veröffentlichte Verordnung des Gesundheitsministeriums festlegt. Sie gilt bis 6. Januar. Ressortchef Jens Spahn (CDU) erklärte am Abend auf Twitter, dies erfolge „als Vorsichtsmaßnahme“, bis man mehr über die berichteten Coronavirus-Mutationen in beiden Ländern wisse.

          Als erste Schutzvorkehrung hatte das Verkehrsministerium schon ab Montag fast alle Flüge aus Großbritannien nach Deutschland vorerst bis 31. Dezember untersagt. Die Bundesregierung hatte am Wochenende weitere Beschränkungen auch für Einreisen aus Südafrika angekündigt.

          Laut Biontech-Chef Sahin hatte die vergleichsweise lange Dauer im Zulassungsprozess der EU keinen Einfluss auf die Menge der Impfdosen, die das Mainzer Unternehmen vorproduziert hat. „Wir hatten schon vorab seit November eine Aufteilung der Impfdosen geplant, an die halten wir uns auch. Was sich geändert hat, ist natürlich die Zahl, die wir dieses Jahr ausliefern können. Aber insgesamt wird sich die Zahl der Dosen, die wir der EU versprochen haben, nicht ändern.“

          Die am Montag erfolgte EU-Genehmigung für den Biontech-Impfstoff nannte er die „historisch mit großem Abstand schnellste Arzneimittelzulassung“. Biontech habe nicht nur die Fragen der EU-Behörde beantworten müssen, sondern auch viele Fragen aus einzelnen Ländern. „Der Prozess war dadurch anstrengender, aber es gehörte einfach dazu, sich um die Prozeduren in der EU entsprechend Zug um Zug korrekt zu kümmern.“

          Weder er selbst noch seine Frau, die Biontech-Mitgründerin und medizinische Geschäftsführerin Özlem Türeci, haben sich nach seinen Worten bislang mit dem Wirkstoff ihrer Firma impfen lassen. „Wir möchten das aber, sobald wir eine entsprechende Grundlage dafür haben“, sagte er. „Für uns ist es wichtig, dass wir unseren Mitarbeitern in der Produktion entsprechende Impfstoffdosen zukommen lassen.“ Es gehe darum, in den nächsten zwölf Monaten eine unterbrechungsfreie Herstellung von Impfstoffen im Produktionsnetzwerk von Biontech zu gewährleisten. „Wir überlegen uns daher, eine vom EU Kontingent unabhängige kleine Charge für diesen Zweck zu nutzen.“

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