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Billigimplantate : Gefährliche Brüste

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Oben ohne: Die Venezolanerin Rita De Martino zeigt die Implantate der Firma PIP, die ihr entfernt wurden. Bild: REUTERS

Jahrelang hat eine Firma aus Frankreich Implantate mit billigem Industriesilikon auch nach Deutschland verkauft. Wer muss den Pfusch verantworten?

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          Schönheitsoperationen, die medizinisch nicht nötig sind, müssen in Deutschland oft aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Dabei geht es für den Patienten häufig darum, billige Anbieter unter den Ärzten zu finden. In den vergangenen Jahren seien ein immenser Preisdruck und damit ein Preisverfall im Bereich der medizinischen Implantate festzustellen, sagt Manfred Beeres vom Bundesverband Medizintechnologie. Die Implantatpreise in Deutschland gehörten zu den niedrigsten der Welt. Das Einsetzen von Implantaten wird von der Krankenkasse mit einem Pauschalpreis vergütet. So könnten Ärzte oder Kliniken durch das Einsetzen von preiswerterem Material eine höhere Marge für sich erreichen.

          Rund 60.000 Frauen lassen sich nach Schätzung der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) in Deutschland pro Jahr die Brüste vergrößern. Damit sind Brustoperationen mit 29,2 Prozent der häufigste schönheitschirurgische Eingriff bei Frauen. Laut der DGÄPC kostet eine seriöse Brustvergrößerung mindestens 5500 Euro. Zu Lasten der Krankenversicherungen wurden im vorvergangenen Jahr 1885 Brustimplantate eingesetzt, teilte die Interessensvertretung der Kranke- und Pflegekasse (GKV-Spitzenverband) mit. Die DGÄPC schätzt, dass 80 Prozent der Brustoperationen in Deutschland aus ästhetischen und nicht aus medizinischen Gründen erfolgen.

          „Gepanschte“ Inhalte schon in den neunziger Jahren

          Solche Fakten gehören zu den Hintergründen des größten medizintechnischen Skandals der vergangenen Jahre. Nur wegen des Preisdrucks kam es dazu, dass eine französische Firma billiges Silikon für Brustvergrößerungen nutzte. Nur durch die Masse an Operationen ist nun die Angst in vielen Ländern so groß.

          Nicht in einem Land freilich, in dem die Arzneimittelzulassung strenger gehandhabt wird - in den Vereinigten Staaten. Schon in den neunziger Jahren meldeten amerikanische Ärzte Zwischenfälle mit defekten Brustimplantaten aus Frankreich an die amerikanische Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelzulassungsbehörde (FDA). Es ging um Implantate, die mit Kochsalz gefüllt waren - das Füllmaterial Silikon war bis 2006 in den Vereinigten Staaten verboten. Hersteller der schadhaften Kochsalzimplantate war „Poly Implant Prothèse“ (PIP) aus La Seyne-sur-Mer im Südosten Frankreichs. Die FDA ließ das Unternehmen daraufhin im Jahr 2000 von einem eigens nach Europa entsandten Ermittler überprüfen. Wenig später bekam Firmenchef Jean-Claude Mas ein Schreiben, in dem es heißt, der Inhalt der Implantate sei „gepanscht“. Zudem wurden elf Mängel bei der Herstellung der Produkte aufgelistet.

          Tonnen Silikonöl aus Deutschland

          PIP blieb danach noch zehn weitere Jahre einer der drei größten Hersteller von Brustimplantaten der Welt, seit 2001 war die Firma einer der Marktführer von Silikonimplantaten. Erst vor knapp zwei Jahren meldete das Unternehmen Insolvenz an. Jean-Claude Mas tauchte unter, nachdem die französische Agentur für die Sicherheit von Gesundheitsprodukten („Agence française de sécurité sanitaire des produits de santé“, Afssaps) im März 2010 den Vertrieb, den Export und die weitere Verwendung von Brustimplantaten mit Silikongel von PIP untersagt hatte. Die Behörde hatte bei einer Inspektion festgestellt, dass die meisten Brustimplantate des Herstellers seit 2001 nicht mit dem ursprünglich vorgesehenen und dafür spezifischen Silikongel gefüllt sind.

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